Die dienende First Lady

Michelle LaVaughn Robinson war eine Top-Anwältin mit Ambitionen. Bis sie sich in ihren Praktikanten verliebte

Von Christine Keilholz

In „Becoming Michelle Obama“ begegnen wir einer bislang unbekannten Frau. Die frühere First Lady erstaunt mit dem Bekenntnis, dass sie sensibel, verletzlich und unsicher ist. Bisher kannte die Welt die beliebteste Präsidentengattin des 21. Jahrhunderts nur als souveräne politische Figur mit eigenem Anspruch. Die bekannte Michelle Obama ist Top-Anwältin mit erstklassiger Ausbildung an Elite-Universitäten, eine schwarze Aufsteigerin, die es aus dem kleinbürgerlichen Süden von Chicago bis ins Weiße Haus brachte.

Eigenständig war sie – bis sie Barack Obama traf. Die bisher unbekannte Michelle ist die Frau an seiner Seite. Ein Mann tritt in ihr Leben, „dessen Vision optimistisch war, ohne naiv zu sein, ungetrübt durch Konflikte und fasziniert über die Komplexität der Welt“. Sie wird, so offenbart sie ihren Lesern, von Gefühlen überflutet – „einer überwältigenden Welle von Lust, Dankbarkeit, Erfüllung und Bewunderung“. Das ist nicht nur eine schöne Liebeserklärung nach 26 Jahren Ehe. Es ist zugleich das auf 400 Seiten ausgebreitete Eingeständnis, dass sich die Powerfrau diesem Barack Obama, der einst als ihr Praktikant anfing, politisch unterlegen fühlt.

Das Buch, das zwei Jahre nach dem Auszug aus dem Weißen Haus erscheint, ist keine Bewerbung für die Präsidentschaftswahlen 2020. Es liefert ein detailliertes Plädoyer, warum sie nicht antreten will: Weil er der Politiker ist. Er hat die Visionen, den Optimismus und der Fähigkeit, Menschen mitzunehmen. Sie ist die Dienende. Jedenfalls will sie uns diese Geschichte erzählen.

Sofort ist die junge Anwältin beeindruckt von dem schmalen Studenten, als der eines Tages ihr Büro im 47. Stock einer Chicagoer Anwaltskanzlei betritt. Sie soll ihn einarbeiten, sie werden Freunde. Wenig später wird ihr klar, dass sie ihren Beruf satt hat. Sie verliebt sich „innig in einen Kerl, dessen kraftvoller Intellekt und Ehrgeiz den meinen am Ende schlucken konnte“. Fortan wird dieses Paar auf seinen Ehrgeiz setzen, nicht auf ihren.

Michelle LaVaughn Robinson stammt aus einem Umfeld, das nach Jahrzehnten des Kampfes um Gleichberechtigung, endlich wirkliche Chancen sah. Als schwarzes Mädchen, 1964 in Chicago geboren, muss sie gleichwohl gegen viele Widerstände ankämpfen – der größte aber kommt nicht von außen, sondern von innen: die eigenen Selbstzweifel. Immer wieder stellt sich dieses Mädchen die Frage: „Bin ich gut genug?“ Erst spät kann sie sich zugestehen: “Ja, bin ich.”

Michelle Robinsons Großvater Dandy stammte aus South Carolina. Er war Enkel von Sklaven, die auf den Baumwollfeldern des alten Südens schufteten. Ein intelligenter Junge, der nicht zum College konnte, weil er schwarz und arm war. In den 30er Jahren kam er nach Chicago wie Millionen aus dem Süden, die der Rassendiskriminierung in die Industriestädte des Nordens entflohen.

Michelles Eltern wohnten in South Shore Chicago zwischen immer mehr schwarzen Familien, die mit allen Mitteln ihr Leben verbessern wollten – und dabei alles auf eine Karte setzten: auf die Ausbildung ihrer Kinder. Hier galt die Maxime schwarzer Aufsteiger: Du musst doppelt so gut sein, um halb so weit zu kommen. Fraser Robinson, ihr Vater, ist Mechaniker bei den Wasserwerken. Er „pflegte fleißig sein Auto, bezahlte die Rechnungen pünktlich, sprach nie über seine fortgeschrittene Multiple Sklerose und verpasste keinen Arbeitstag“.

Die Mutter Marian gab ihren Job als Krankenschwester auf, um für die beiden Kinder zu sorgen. Sie sei eine trockene, harte Realistin im Besitz einer „brillanten elterlichen Denkweise“ gewesen, die alles kontrollierte. „Wenn es uns schlecht ging, gab sie uns nur wenig Mitleid“, schreibt die Tochter. „Wenn wir etwas Großartiges geleistet hatten, bekamen wir gerade genug Lob, um zu wissen, dass sie glücklich war.“ Ehrgeiz und Disziplin sind alles, Rückhalt wird ohne große Worte gegeben. Arbeite hart, lache viel und nutze Deine Stimme – das ist die Lektion ihrer Kindheit.

Zu ihrer Kindheit gehören auch frühe Erfahrungen mit Rassismus. Es gab einen gewissen Zwang unter Weißen wie Schwarzen, jeden in seine Herkunft zu kategorisieren – und Frustration, wenn das nicht leicht gelang, wie bei Barack Obama. Ihr Großvater hatte noch zu jener Generation von Schwarzen gehört, die in den Fabriken des Mittleren Westens keine Chance auf einen sicheren, gut bezahlten Arbeitsplatz bekamen. Diese Form von Diskriminierung, schreibt Obama, bestimmte das Schicksal von Generationen von Afroamerikanern. „Hochintelligente Männer wurden daran gehindert, Häuser zu kaufen, ihre Kinder aufs College zu schicken und für ihren Ruhestand zu sparen.“

Aber manche schafften es irgendwie. Zwei Generationen weiter können Michelle und ihr älterer Bruder Craig als erste in der Familie studieren. Sie bringt es nach Princeton, einer sehr weißen und sehr männlichen Universität. Von dort steigt sie auf nach Harvard, um an der besten Uni der Welt Jura zu studieren. Mit Mitte 20 ist sie Anwältin mit Sekretärin, einem schwedischen Auto und einem Gehalt, von dem ihre Eltern nur träumen konnten.

Schwarz zu sein in einem Land, das weiß sein will – das ist Michelle Obamas Lebensthema. Es ist das große soziale Problem der USA, das alle anderen Krisen und Ungleichheiten in den Hintergrund drückt. Jedenfalls für sie. „Die Farbe unserer Haut machte uns verwundbar. Das war ein Fakt, mit dem wir immer würden umgehen müssen.“

Die vielen anderen Verwerfungen der amerikanischen Gegenwart touchiert ihr Buch nur – etwa das Dahinsiechen der Mittelklasse-Vorstädte. Hier offenbart sich vielleicht am deutlichsten, wie sehr die Frau entlang eigener Betroffenheit denkt: Sie ist monothematisch – und parteiisch. Für eine schwarze Aktivistin wäre das in Ordnung, für eine First Lady reicht das nicht.

Sie selbst ist in einer Mittelklasse-Vorstadt aufgewachsen, in die nach und nach ein neuer schwarzer Mittelstand einzog. In South Shore leben in den 50er Jahren 96 Prozent Weiße. In den frühen 80ern, als Michelle Robinson nach Princeton aufbricht, ist die Siedlung zu 96 Prozent schwarz. Für die neuen Bewohner bedeutet das die Erfüllung ihrer Anstrengungen – die weißen Nachbarn, die noch nicht weggezogen sind, nehmen es als Niedergang wahr. Doch die First Lady hat nur Gehör für die eine Seite. Sie sagt, die Helden der Black Power-Bewegung seien ihr immer näher gewesen als die weißen Präsidenten der USA. sie

Der tiefe Graben der amerikanischen Gesellschaft zeigt sich von der anderen Seite als heute, zehn Jahre später. Noch immer nehmen viele Amerikaner die Obamas als Anwälte des schwarzen Amerika wahr. Für den Präsidenten Obama stimmt das nicht, glaubt man den schwarzen Bürgerrechtlern, die sogar mehr von ihm erhofft hatten. Seine Frau indes war eine First Black Lady. Für beide gilt, dass sie das Land nicht vereinen konnten.

Wenn man so will, vollzieht sich heute die Gegenoffensive des armen weißen Amerika. Die Obamas sind nicht schuld daran, aber sie waren das intelligente, smarte, schwarze Präludium für die tumbe, rohe, Fakten leugnende Trump-Revolution.

Aber wirklich politisch denkt Michelle Obama gar nicht. Durch die Liebe zu dem aufstrebenden Politiker definiert sich die Anwältin neu. Sie hängt den verhassten Job an den Nagel, wird stattdessen Beraterin in der Stadtverwaltung und schließlich Managerin im Krankenhaus. Nach einer Fehlgeburt kommen die beiden Töchter Malia und Sasha – das weckt ihr Bedürfnis nach heilem Familienleben. Barack Obama ist selten zu Hause. Es fallen Sätze wie: „Ich fühlte mich verletzlich, wenn er nicht da war.” Sie ist jetzt eine überforderte Frau, wie es Millionen gibt, an denen alles hängenbleibt.

Als „arbeitende Vollzeit-Mutter mit einem Teilzeit-Mann“ ist Michelle Obama in ständiger Sorge um Geld und Zeit. Die Entscheidung für Barack Obamas Karriere, ihm die Freiheit zu geben, seine Träume zu verfolgen, lässt sie die eigene Karriere nicht weiter verfolgen. Dieses Leben hat sie „herausgefordert und demütig gemacht, aufgerichtet und niedergedrückt“, schreibt sie.

Einerseits ist Michelle Obama fasziniert vom Leben an der Seite eines politischen Rockstars, des einzigen Schwarzen im US-Senat, der „so ergreifend über Hoffnung und Toleranz gesprochen hatte, dass nun Hornissenschwärme von Erwartungen an ihm hingen“. Andererseits fremdelt sie mit der Politik, die ihrer Vorstellung von einem planbaren Leben widerspricht. Barack Obama war „wie ein Einhorn: ungewöhnlich bis zur Unwahrscheinlichkeit“ – sie selbst zieht den geraden Weg vor. Sie fürchtet, dass ihr Mann, der Sohn einer Weißen und eines Studenten aus Kenia, in der Politik scheitern muss. Er fürchtet nichts; er hatte „einen einfachen, lebhaften Glauben daran, dass die Dinge funktionieren, wenn man nur an seinen Prinzipien festhält“.

Er liegt richtig, denn am Ende gewinnt er doch das Rennen ums höchste Amt. Den acht Jahren als Gattin des Präsidenten widmet Michelle Obama wenig Raum im Buch. Man erfährt, wie das ist mit Kindern im Weißen Haus, wo kein Fenster geöffnet werden darf, ohne dass es der Sicherheitsdienst erlaubt. Beim romantischen Date mit dem Gatten muss ein Dutzend Bodyguards mit ins Restaurant. Das Kleid, das sie trägt, ist nun wichtiger als alles, was sie sagt.  

Die Treffen mit Persönlichkeiten der Weltpolitik blitzen dazwischen nur als Schnappschüsse auf. Michelle Obama plaudert mit Angela Merkel und Nicolas Sarkozy am Rande des Treffens der G20. Auch wichtige Ereignisse der Präsidentschaft sind bei ihr nur Anekdoten, wie der Tod des Terroristen Osama bin Laden oder der Tag, an dem Donald Trump seine Kandidatur für Obamas Nachfolge bekannt gibt. Im Buckingham Palace begeht sie einen Faux Pas, als sie den Arm um die Queen legt.

Menschlich soll auch ihr Vermächtnis sein. Amerikas Schüler sollen endlich gesünder essen und mehr Sport treiben. Das klingt privat und unpolitisch. Mutter Michelle sorgt sich um die fetten Kinder Amerikas. Tatsächlich setzt sie bei einem Phänomen an, das zum Merkmal Amerikas in aller Welt geworden ist: Seine Kinder verlieren die Fassung. Das ist auf eine Art die Summe vieler sozialer Krisen. Inzwischen beginnen die Programme zu greifen, die Michelle Obama für gesundes Schulfrühstück und mehr Sport in Gang setzte. Es wäre das große Vermächtnis einer großen Frau. Und ein politisches.


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