Abschied von der Platte

Am Ende der DDR lebte ein Viertel der Ostdeutschen in der „Wohnungsbauserie 70″, im standardisierten Wohnhochhaus WHH GT 18“ oder im Zehngeschosser „M10“. Es gab sogar eine Stadt nur aus Platte. Das war Halle-Neustadt,

Die DDR lebte in uniformen Großsiedlungen und träumte von einer klassenlosen Gesellschaft. Geblieben ist das Gegenteil. Erschienen am 22. September 2019 in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung

Armut hat in Halle ein Zuhause. Es heißt Neustadt. Wer in der Plattenbausiedlung im Westen der Stadt wohnt, der weiß, dass er nicht auf der Sonnenseite der Saale steht. In Halle geht es von der Neustadt aus kaum noch tiefer. Das war nicht immer so.

Die DDR wohnte anders als die Bundesrepublik. Sie wohnte in Plattenbausiedlungen, die nach dem Krieg überall dort hochgezogen wurden, wo die Staatswirtschaft Wohnraum wünschte. Die Platte sah immer gleich aus, und in manchen Städten steht sie noch heute so da: Zusammengeschraubt aus Modulen von grauem Waschbeton. Die Treppenhäuser rochen immer gleich, die Zimmertüren waren immer aus Pappe. Und doch, Komfort gab es nur in der Platte und das Lebensgefühl gleich dazu. Wer keine solche Neubauwohnung hatte, der träumte davon.

Die Platte ist Sinnbild für die Wohnform Ost. Am Ende der DDR lebte ein Viertel der Ostdeutschen in der „Wohnungsbauserie 70″, im standardisierten Wohnhochhaus WHH GT 18“ oder im Zehngeschosser „M10“. Das ganze Land wurde damit zugestellt. Es gab sogar eine Stadt nur aus Platte. Das war Halle-Neustadt, der Traum einer klassenosen Gesellschaft von 90 000 glücklichen Menschen Geblieben ist das Gegenteil.

Die Spaltung von Arm und Reich schreitet im Osten schneller voran. Schuld daran ist die Platte – und die Flucht aus ihr.

Die industriell errichteten Großwohnsiedlungen der DDR sind das geworden, was schon vor 30 Jahren vorauszusehen war. Problemviertel. Heute wohnen hier die Deklassierten. Die Spaltung von Arm und Reich schreitet im Osten schneller voran als im Westen. Schuld daran ist die Platte – und die Flucht aus ihr.

DIe vier Hochhäuser, die das Herz von Halle-Neustadt bilden, haben 19 Geschosse. Wie riesige Dominosteine überragen die Wohnscheiben, wie die Neustädter sie nennen, das Zentrum. Heute sind sie nur noch Gerippe, von denen Fleisch und Beton abgefallen sind. Balkone, Fenster, Türen wurden von Investoren herausgerissen, die anschließend aufhörten zu investieren. Seit Jahren stehen die Scheiben leer. An manchen Stellen faulen auch verwahrloste, unbehauste Wohnblöcke aus der Stadtanlage heraus, die einst von der ersten Riege der DDR-Stadtplanerzunft konzipiert wurden. Die Scheiben sollen abgerissen werden, aber ihr Tod zieht sich in die Länge. Sie sind ein Mahnmal für jeden, der zu ihren Füßen Gemüse kauft. Der städtebauliche Niedergang nimmt den sozialen vorweg. In den Eingangshallen der Scheiben sammelt sich Müll, was die vielen Sicherheitsleute nicht verhindern können.

In den 80er Jahren, den Glanzzeiten, war Halle-Neustadt noch Heimat einer aktiven und lebensfrohen Jugend. Wer damals im achten Stock wohnte, konnte herabschauen auf die anderen, die in den Dörfern. Das gleichgeschaltete Wohnen erlebten viele als glückliche Kindheit, über, unter und neben ihnen waren viele Kinder im gleichen Alter zu Hause.

Der Exodus aus den Großwohnsiedlungen führte nicht nur in den Westen. Viele Bewohner fanden neue Refugien in den hübscheren Vororten

Halle-Neustadt war ein demografisches Wunder. Eine Sumpfwiese nahe der Saale, die Karriere gemacht hatte. Im Krieg war es noch ein Flugplatz, in den 60er Jahren wuchsen Hochhäuser. Die ganze DDR schaute auf diese Stadt, die das Schaufenster eines ganzen Systems war. Die Chemiearbeiter aus den Kombinaten von Leuna und Buna, die den Hauptgewinn einer Wohnung gezogen hatten, waren meist jung. Sie bekamen die Kinder, die dem Umland fehlten. Aber das galt ohnehin als rückständig. Die großflächige Platte war attrakitiv, nicht nur wegen der Wohnungen mit Badewanne und Durchlauferhitzer., auch wegen der Schulen und Kindergärten.

Doch mit der DDR endete auch der Boom der Chemiearbeiterstadt. Die Hälfte der Bewohner zog weg, mehr als 40 000 Menschen. Sie hatten keinen Grund mehr, an Forschritt und Wohlstand in Halle-Neustadt zu glauben. Viele junge Leute, die etwas Besseres suchten als Arbeitslosigkeit, kehrten der Neustadt den Rücken. Sie wohnen heute weiter draußen in Vororten, wo es Eigenheime und Gärten gibt. Der Exodus aus den Großwohnsiedlungen seit den 90er Jahren führte nicht nur in den Westen, wo die Arbeit war. Viele Ostdeutsche blieben in der Nähe, sie haben neue Refugien und ein neues Lebensgefühl gefunden in den Vorstädten. Vor allem in deren Innenstädten, wo sich anspruchsvolle Stadtbevölkerung um vollsanierte Altbauwohnungen reißt.

Für alte Bausubstanz hatte die DDR nichts übrig. Altbau stand ja für überholte Gesellschaftsmodelle. Oder schlimmer noch, für bürgerliche Wohnkultur. Solche Quartiere gibt es auch in Halle, der ansonsten ziemlich hässlichen Arbeiterstadt. Das Paulusviertel im Stadtzentrum hat alles, was die SED-Führung für ihre Bürger nicht mehr wollte. Also Villen mit verspielten Fassaden, Vorgärten und eine Kirche in der Mitte. Das Viertel, da sich um die Pauluskirche schmiegt, ist heute das beliebteste von ganz Halle. Hier war der Aufschwung erst möglich, als die DDR Geschichte war. Denn die ließ die Villen verfallen.

Halle hat den Trauerflor aus Kohlenstaub abgelegt. Man muss kein Mitleid mehr haben mit Händel und Genscher, die hier aufwuchsen

Wie vor 100 Jahren wohnen im Paulusviertel wieder Professoren, Beamte und sonstige Gutverdiener. Die Uni ist nicht weit, die versorgt die Stadt mit jungem, internationalem Publikum. Das demografische Wunder ereignet sich jetzt dort, das zeigt die Dichte an Kinderwagen. In dieser Gegend sorgt man sich nicht um Sicherheit oder Zuwanderung. Entsprechend wird gewählt. Bei der Europawahl holten die Gründen über 30 Prozent – mehr als sonst irgendwo in Sachsen-Anhalt. Im Paulusviertel lebt ein zufriedenes, optimistisches Halle. Nur: Es bleibt unter sich.

So erzählt Halle die Geschichte vom Niedergang der Neustadt und von der Wiedergeburt der innenstadt. Die liegt nicht mehr unter einem Trauerflor aus Kohlenstaub. Sie hat auch keine Skyline aus qualmenden Uralt-Schloten mehr. Sogar das Kreuzungsknäuel am Bahnhof ist inzwischen entwirrt und halbwegs gefahrlos zu passieren. Man muss kein Mitleid mehr haben mit Händel und Genscher, weil sie in Halle aufwuchsen.

Dresden hat sein barockes Zentrum wiederbekommen. Jena hat mehr zu bieten als die Blocks von Lobeda. Leipzig ist die am schnellsten wachsende Stadt Deutschlands geworden, weil junge Leute die Gründerzeit-Quartiere und Industriehallen beziehen. Es boomt im sanierten Altbau. Eine neue Generation ist mit Eichenholzparket und hohen Decken groß geworden. Dort wohnt jetzt die Mitte, fährt Fahrrad und kauft regional. Blühende Landschaften.

Die Mittelschicht läuft der Platte seit 30 Jahren davon. Aber die Mittelschicht bräuchte es, um ein Abrutschen dieser Viertel zu verhindern

Die Kehrseite des Aufschwungs ist der Abstieg der Platte. Als Folge der Wanderungen zerfallen die Ost-Städte in bessere und schlechtere Gegenden. Inzwischen streben Arm und Reich im Osten noch klarer auseinander als im Westen. Das kannte die DDR so nicht.

In Halle-Neustadt sollte es keine bevorzugten Wongebiete für Privilegierte geben. Der Generaldirektor wohnt neben dem Chemieanlagen-Fahrer, das war das propagierte Ideal. Es ist lange her. Heute wohnen in den Großwohnsiedlungen Alte neben Armen. Transferempfenger und Einwanderer halten die Stellung. Überall das gleiche Bild. In Grünau, der Satellitenstadt im Westen von Leipzig, ist ein Viertel der Einwohner über 65. In Rostock hat sich der Soziologe Steffen Mau die Siedlung Lütten Klein vorgenommen, in der er in den 70er Jahren aufwuchs. Mau traf überwiegend Ältere, Leistungsempfänger und Migranten an. In Cottbus fordert der Chef der kommunalen Gebäudewirtschaft, Kulturmanager einzustellen, die zwischen alten Mietern und neuen mit Migrationshintergrund vermitteln. Einzig in Marzahn füllen sich die Blocks irgendwie, denn der Wohnnungsmarkt in Berlin ist so überhitzt, dass sogar die Platte in Kauf genommen wird.

Marcel Helbig, Soziologe am Wissenschaftszentrum Berlin, hat die Sozialstruktur der Städte des Ostens untersucht. In einigen Siedlungen wächst die Hälfte der Kinder in Armut auf. „Dort wird niemand hinziehen, dem an der Zukunft seiner Kinder gelegen ist“, sagt er. Helbig erläutert mit vielen Details und statistischen Kurven: Die Mittelschicht läuft der Platte seit 30 Jahren davon. Aber die Mittelschicht bräuchte es, um ein Abrutschen dieser Viertel zu verhindern.

In den Plattenbauten kam der Aufschwung nie an. Hier wächst die Armut, obwohl sie im Rest des Ostens um 40 Prozent zurückgegangen ist

Nichts, was Kommunen und Stadtplaner in den vergangenen Jahrzehnten versucht haben, hat diesen Trend aufgehalten. Nicht einmal das viele Geld für den Aufbau Ost. Im Gegenteil. Die fünf Milliarden Euro, die seit 1990 in den Städtebau im Osten geflossen sind, haben die soziale Entmischung noch befördert. Zeugnis davon gibt der alljährliche Bericht zum Stand der deutschen Einheit. In mehr als 250 ostdeutschen Kommmunen wurde das Geld verbaut, um historisch wertvolle Stadtkerne zu sanieren. Das hat geklappt. Die erhofften „vitalen Orte“ sind entstanden. Aber gerade die schönsten Städte sind heute besonders von Segregation betroffen.

Auch die Platte bekam Aufbau-Geld ab. Aber es hilft nichts. Mit Balkonen, Dämmung und neuem Anstrich lässt sich die Bevölkerung nicht halten. In den Plattenbaugebieten kam der Aufschwung nie an. Die Armutsquoten sinken einfach nicht. Der Anteil der Leistungsempfänger wächst – obwohl er im Rest des Ostens um 40 Prozent zurückgegangen ist.

Dieses Schicksal teilt Halle-Neustadt mit den anderen Sichtbetonwüsten im Osten, denen die Menschen in Scharen davon laufen. Es sind planwirtschatliche Immobilienblasen, die lange schon geplatzt sind. In Halle lässt sich das nicht mehr leugnen. 2014 ließ die Stadt die Sozialstruktur in den Stadtteilen untersuchen. Es stellte sich heraus: Die meisten Quartiere in der Neustadt sind abgehängt. Diese Gebiete sind die Armenhäuser von Halle. „Armut ist dort kein Minderheitenphänomen, sie betrifft große Teile der Wohnbevölkerung“, steht im Bericht. Wer heute noch in die Platte einzieht, der findet nichts Besseres.

Soziologen empfehlen gezielte Angebote für Bewohner. In Kontakt mit einem anderen Leben kommen die dann aber nicht mehr

Marcel Helbig hat untersucht, wo sich in deutschen Städten die Flüchtlinge niedergelassen haben, die seit 2015 ins Land gekommen sind. Die meisten landeten in Stadtquartieren, in denen auch viele Transferempfänger wohnen. Das sind fast überall Großwohnsiedlungen. Hier konzentrieren sich die Flüchtlinge, die nach Abschluss ihrer Asylverfahren billigen Wohnraum brauchen. In den Einkaufspassagen gibt es jetzt Handyläden und Schawarma-Imbisse. Mittelpunkt dieser Community ist das Jobcenter, es thront an zentraler Stelle und ist leuchtend rot angestrichen. Ein Augenfänger in all dem Grau. Ein Großteil der Integraiton von ganz Halle muss hier geleistet werden. Doch es ist allenfalls Integration in eine trostlose Teilwelt.

Was aber tun mit den Siedlungen? Großflächig abreißen, wie es manche Stadtplaner schon seit Jahren fordern? Oder sollte man weiter versuchen, sie aufzuwerten in der Hoffnung, dass die Platte wieder ein besseres Image bekommt?

Soziololgen empfehlen, gezielte Angebote zu machen für die Schichten, die da sind. Das heißt: Sozialarbeiter für die Armen, Integratitonshelfer für die Migranten, Clubs für die Senioren. Klar ist dann aber: In Kontakt mit einem anderen Leben kommen die Neustädter nicht mehr. Die Platte ist kein sozialistisches Experiment mehr, sondern ein präkeres. Wenn es scheitert, dann entstehen in den Wohnstädten der Helden der Arbeit deutsche Banlieus.

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