„Wenn die Lausitz so attraktiv wäre, kämen die Investoren von selbst“

Werner Plumpe, 65, lehrt Wirtschaftsgeschichte an der Goethe-Universität Frankfurt/Main. Sein letzes Buch "Kapitalismus: Das kalte Herz" erschien 2019.

Der Kohleausstieg bis 2038 macht vielen Lausitzern Angst. Aus gutem Grund, sagt der Wirtschaftshistoriker Werner Plumpe im Interview. Denn Strukturwandel sei bisher nur selten gelungen.

Was in der Lausitz passiert, erinnert Werner Plumpe an das Ruhrgebiet. Dort läuft der Strukturwandel seit 60 Jahren. Dei Kohlekrise in den 1950er Jahren und die Stahlkrise in den 70ern zwangen die einstige Boomregion, sich neu aufzustellen. Die Mittel, mit denen die Politik das anging, waren die gleichen wie jetzt in der Lausitz: Erst die Versuche, neue Unternehmen anzusiedeln. Später folgte die Gründung von Forschungseinrichtungen.

Beides war im Ruhrgebiet nur teilweise erfolgreich, ist Plumpe überzeugt. „Man hofft, dass Wirtschaftsbereiche, die sehr stark von öffentlichen Mitteln abhängig sind, sich nicht so stark am Markt behaupten müssen“, sagt der Wirtschaftshistoriker von der Universität Frankfurt/Main. „Dass das aber zu einer Stärkung der Region führt, ist noch lange nicht gsagt.“

Man hofft, dass Wirtschaftsbereiche, die stark von öffentlichem Geld abhängen, sich nicht am Markg behaupten müssen. Das ist selten der Fall

Von Forschung und Innovation verspricht sich auch die Lausitz viel. Ein wesentlicher Teil des Strukturwandels soll über die Ansiedlung von Instituten passieren. Gründungen wie das Kompetenzzentrum Klimaschutz in energieintensiven Industrien (KEI) in Cottbus oder das Casus-Zentrum für komplexe Systemfragen in Görlitz gehören dazu. Auch die Niederlassungen der Luft- und Raumfahrtgesellschaft sollen Abeitsplätze schaffen und junge Leute an Spree und Neiße halten.

Doch für den Erfolg solcher Bemühungen fehlt das historische Beispiel. Werner Plumpe ist Kenner von Strukturwandel-Prozessen. Regionen, die sich erfolgreich gewandelt hätten, kennt er keine. Was die Lausitz betrifft, ist er skeptisch. „Die Lausitz verliert mit der Braunkohle einen Wirtschaftszweig, mit dem sie sich im Moment noch erfolgreich am Markt behaupten kann“, sagt der 65-jährige Wissenschaftler. „Was die Lausitz da macht, ist gewagt.“

Strukturwandel muss etwas ersetzen, das nicht spontan entstanden ist. Solche Prozesse sind immer künstlich

Das hat geografische Gründe. Lange gehörte die Lausitz zu einer zentralen Wirtschaftsregion in Mitteleuropa. Die reichte vom Süden Brandenburgs bis Sachsen und umfasste dazu noch Teile Schlesiens. Durch die Verschiebung der Grenzen nach dem Krieg sind diese Industriestandorte fragmentiert worden. Die florierende Textilindustrie, für die die Lausitz berühmt war, geriet wirtschaftlich in die Nische. So blieb allein die Braunkohle als Kernprodukt.

Mit deren Ende, das für 2038 geplant ist, bleiben die Nachteile der Lage, gegen die Strukturpolitik nur wenig ausrichten kann. Da kann der Historiker kaum Hoffnung machen. „Wenn die Lausitz ein so attraktiver Standort wäre, dann wären die Investoren ja von selbst gekommen.“ Stattdessen werde das nun mit politischen Mitteln versucht – doch da sind die Risiken groß. Grundsätzlich haben alle Versuche von Standortsicherung immer ein Problem: Sie müssen etwas ersetzen, das nicht spontan entstanden ist. Das ist immer künstlich.

Mehr Geld heißt nicht automatisch mehr Erfolg. Es gelingt kaum, eine ehemals vitale Industriestruktur durch eine neue zu ersetzen

Aber es ist nicht prinzipiell unmöglich. Auch das lässt sich im Ruhrpott lernen. Dort haben einige Städte vom Strukturwandel profitiert. die Ansiedlung von Instituten hat dem Ruhrgebiet auf lange Sicht eine Hochschul-Dichte beschert, die in Deutschland ihresgleichen sucht.

In der Fläche leidet der Pott noch immer. Das Ruhrgebiet ist durch Bergbau, Eisen und Stahl zu einer Region mit fünf Millionen Einwohnern gewachsen. Keine der nachfolgenden Industrien konnte das tragen. Selbst Opel und Nokia in Bochum erwiesen sich als untauglich für ein neues Wirtschaftswunder.

Werner Plumpe betont: Jeder Strukturwandel ist ein Einzelfall. Dennoch lassen sich europaweit die gleichen Muster erkennen. Bei der Restrukturierung der Industriegebiete in England, Frankreich und Nordspanien tun sich die gleichen Probleme auf. „Je mehr Geld man in die Hand nimmt, desto erfolgreicher erscheinen solche Prozesse“, sagt Plumpe. Aber es gelinge kaum, die vitale Industriestruktur von einst durch eine neue zu ersetzen.

Es gibt eine lokale Industrialisierung, die eine Region erfolgreich an den Weltmarkt bringt. Sachsen und Brandenburg haben da schon einmal geschafft

In allen diesen Regionen zeigt sich zudem dass auch der Faktor Mensch beim Strukturwandel keine verlässliche Größe ist. Arbeitskräfte zu qualifizieren, kann eine Chance sein. Es führt aber auch zu mehr Abwanderung. „Die Menschen sind im Gegensatz zum Rohstoff mobil“, sagt der Historiker. “ Eine hohe Qualifikation der Arbeitskräfte ist sicher wichtig, aber dadurch erhöht sich auch deren Mobilität.“ Jede Region steht heute im Wettbewerb mit anderen Regionen, die sich mit den gleichen Mitteln neuen Wohlstand erschließen wollen. Sie konkurrieren um dieselben klugen Köpfe.

Aber nichts ist unmöglich. In Einzelfällen haben arme Regionen den Aufstieg geschafft. Dazu gehören Brandenburg und Sachsen, lange bevor die Kohle kam. „Das zeigt, dass es eine lokale Industrialisierung geben kann, mit der sich eine Region dann relativ erfolgreich in den Weltmarkt einschalten kann.“

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