Anständige Leute sagen niemals „Nigger“

„Vom Winde verweht“ lässt uns miterleben, wie eine zutiefst rassistische Gesellschaft die Sklaverei rechtfertigt. Das macht dieses Buch so wichtig.

„Du musst dieses Buch lesen“, sagte ich Mariah. Sie sagte: „Nein, das zieht mich runter. Da geht es um Sklaverei.“ Mariah ist eine junge schwarze Kanadierin, mit der ich vor einem Jahr in Toronto wohnte. Ihre Familie stammt aus Jamaika, ihre Vorfahren waren Sklaven auf den Zuckerrohrfeldern. Mariah hat Geschichte studiert. Sie kennt Homer und Thukydides. „Vom Winde Verweht“ kannte sie nicht. „Doch, lies es“, sagte ich ihr. „Da geht es um starke Frauen. Auch schwarze Frauen.“ Ich schenkte ihr das Buch zum 28. Geburtstag.

Es ist das Buch zu dem Film, den die Streaming-Plattform HBO aus ihrem Angebot gestrichen hat. Der Film ist von 1939 und gilt nun nach 79 Jahren als politisch nicht mehr tragbar. Er beschreibe ethnische Vorurteile, so die Begründung. Der Klassiker gilt als rassistisch und ist als Folge der Rassenunruhen nach dem Tod von George Floyd im Fokus jener, die um die historische Wahrheit bemüht sind.

„Vom Winde verweht“ ist für manche eine billige Schmonzette. Für diese grob falsche Einschätzung reicht schon der Umstand, dass das Buch von einer Frau geschrieben wurde. Dabei hat die Autorin Margaret Mitchell große Literatur geschaffen. Für mich ist ein amerikanisches Epos. Es war das erste amerikanische Buch meines Lebens. Das erste große Buch überhaupt; ich war 13 und nach dem ersten Satz gepackt.

Sklaverei dient nur als Kulisse

Ja, diese Geschichte ist rassistisch. „Vom Winde Verweht“ versteckt seinen strukturellen Rassismus als Idyll eines Plantagenlebens. Wie so oft machen die Auslassungen den Unterschied. Mitchell führt uns nicht auf die Sklavenmärkte, wo Menschen verschachert wurden wie Vieh. Sie stellt uns keine Mütter vor, die von ihren Kindern getrennt wurden. Sie lässt uns nicht hoffen für verzweifelte Menschen, die alles riskierten auf der Flucht. Schwarze Dienstmädchen, die von ihren weißen Herren vergewaltigt werden, haben keinen Platz in diesem Buch. Dagegen laufen viele zufriedene Sklaven durchs Bild, denen es prächtig geht. Sie schuften, ohne sich zu beklagen. Und wie ihre Herren betrauern sie die Welt, die nach dem Bürgerkrieg 1866 verloren ging. Diese Schwarzen sprechen seltsam und begehren nicht auf. Warum auch, ihre Herren sind anständige Leute. Feine Leute, so steht’s im Buche, sagen niemals „nigger“, sondern „negro“.

Eigentlich geht es nicht um Sklaverei. Die ist nur ein Stück Kulisse dieser Lebenswelt, wie die Baumwollfelder und das große Herrenhaus. Das große historische Unrecht dieser Nation freier Männer wird in dieser Geschichte nirgends in Frage gestellt. Sklaverei, wie sie Mitchell beschreibt, gehört dazu, wie die weiten Röcke und albernen Korsetts, die ihrer Heldin Scarlett die Luft zum Atmen rauben – und ihr Macht über die Männer verleihen. Mitchell beschreibt zwei Unfreiheiten in dieser Gesellschaft – die der Frauen und die der Sklaven. Nur gegen eine davon begehrt sie auf. Die Unfreiheit der Frauen, die gefangen sind in einem Dickicht aus Do’s und Dont’s, das erst der Krieg zerreißt.

Die Freiheit, die weiße Männer schnell zu reichen Männern machte, kam nur durch ihre Freiheit, andere auszubeuten. Mitchell liefert die Bilder dazu: Der Plantagenbesitzer zieht in die Stadt auf einem prächtigen Pferd. Hinter ihm die Kutsche mit seinen eleganten Damen. Dahinter die Karren mit seinen Sklaven, je mehr, desto reicher. Das war die Staffage des amerikanischen Erfolgs. Ein schauriges Bild von Feudalismus, wie er damals schon von der Zeit überholt war. Als ein solches „ländliches Paradies, wo das Glück auf der Seite des Mannes ist, der hart arbeitet“ hatten sich die Gründerväter wie Thomas Jefferson ihr Land vorgestellt. Jefferson, der selbst Kinder mit einer Sklavin hatte. Als diese Südstaaten 1866 untergingen, trauerte die Welt nicht.

Der Film ist eine Lovestory vor brennenden Kriegsruinen

Mitchell, geboren 1900 in Atlanta, war eine Tochter dieser Südstaaten. In den 20er Jahren erkämpfte sie sich einen Job als Zeitungsreporterin, später, gezeichnet von einem Verkehrsunfall, schrieb sie das Buch, das ihr einziges werden sollte. Mitchell war eine Kämpferin für die Rechte der Frauen. Die Rechte der Schwarzen interessierten sie weniger.

„Vom Winde Verweht“ handelt von Freundschaft, Liebe und dem Überleben nach der Katastrophe des Krieges. Solche Geschichten haben es in der deutschen Literatur zu hohen Weihen gebracht. Aber bei Mitchell geht es nicht um den Zweiten Weltkrieg und seine Folgen. Es geht um den amerikanischen Bürgerkrieg, der das Unrecht gegenüber den Schwarzen nicht beendete, nur in neue Formen goss. Ich habe das Buch mehrmals gelesen und kenne den Film seit frühester Kindheit. Nie bin ich auf die Idee gekommen, Sklaverei sei eine gute Sache. Obwohl Margaret Mitchell genau das sagt.

Keine Figur bringt das deutlicher zum Ausdruck als Mammy, die dicke, liebe Amme. Sie ist willensstark und trotzig, die gute Seele im Haus der Weißen, vor der alle Respekt haben. Ob sie das so will, hat sie niemand je gefragt. Mammy ist eine Schwarze hohen Ranges. Sie führt schon fast ein freies Leben im unfreien. Keine einfache Figur, für die die Schauspielerin Hattie McDaniel zu Recht den Oscar bekam. Dass sie bei der Oscar-Verleihung am Katzentisch sitzen musste, war schon 1940 ein Skandal. Dass sie die höchste Auszeichnung des Films überhaupt bekommen konnte, war eine Revolution. Die war nur möglich durch den riesigen Publikumserfolg von „Vom Winde Verweht“. Der wiederum gelang nur, weil der Roman für die Anforderungen Hollywoods verengt wurde zu einer Lovestory vor brennenden Kriegsruinen.

Eine ehrlichere Geschichte: The Known World

Was tut man also heute mit so einem Film? Ihn ansehen natürlich, mitsamt einer begleitenden Dokumentation hinterher, die die Wahrheiten zeigt, die der Film verschweigt. Ihn zu verbannen hieße, ein Stück Geschichte zu bereinigen.

Was tun mit diesem Buch? Ihn jungen Leuten schenken. Es ist ein Historienroman, der eine Vergangenheit abbildet, die brutal ist. Mittelalter-Romane machen das auch und erfreuen sich großer Beliebtheit. Kämen wir auf die Idee, Tolstoi zu verbannen, weil er das Leben des reichen russischen Landmanns feiert, das nur möglich ist, weil Heerscharen von unfreien Bauern dafür arbeiten? Nein, aber Tolstoi war ein Mann und stand nie unter Schmonzettenverdacht.

Lange nach Scarlett las ich „The Known World“ von Edward P. Jones. Es ist die Geschichte eines reichen Schwarzen in Virginia, der selbst Sklaven hält – geschrieben von einem schwarzen Autor. Jones beschreibt auf knapp 400 Seiten viele Formen von Freiheit mit der Frage, welche davon für Schwarze möglich ist in einem Land, das Schwarze verkauft. Eine gute Antwort darauf gibt eine alte Sklavin, als sie über ihren Sohn sagt: „Er wird mehr Freiheit haben, je weiter er die Kreise um sich zieht, in denen er frei sein kann.“ Für dieses Buch bekam Jones 2004 den Pulitzer Preis, wie auch Margaret Mitchell 1937. Mariah sollte sie beide kennen.  

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