„Wir wissen nicht, ob für die neuen Industrien der Lausitz ein Markt existiert“

Alexander Nützenadel, Jahrgang 1965, lehrt Wirtschafts- und Sozialgeschichte an der Humboldt-Universität Berlin. Foto: Humboldt-Universität

Jede erfolgreiche Wirtschaftsregion braucht Strukturwandel, sagt der Historiker Alexander Nützenadel. Doch den Kohleausstieg in der Lausitz findet er überstürzt.

Das Ende der Braunkohle sieht Alexander Nützenadel skeptisch – denn bis 2038 wird der Strukturwandel nicht geschafft sein, meint er. „In der Lausitz findet ein relativ kurzfristiger Ausstieg aus einer bestehenden und nach wie vor halbwegs funktionierenden Industrie statt“, sagt der Historiker von der Humboldt-Universität.

Die Kohle wird mit ihrem beschlossenen Ende zu einer sterbenden Industrie – aber noch werde der für die Lausitz so bedeutende Energieträger wirtschaftlich abgebaut. Für das, was danach kommen kann, fehlt indes das gelungene historische Beispiel.

Nützenadel hat Transformationsprozesse in verschiedenen Regionen erforscht. Strukturwandel sieht er als einen normalen Prozess, der zu jeder Wirtschaft gehört. Ohne Wandlungen ist eine wettbewerbsfähige Wirtschaft nicht vorstellbar. „Die Frage ist, wie schwer sich eine Region, die eine gewachsene Wirtschaftsstruktur hat, mit einem Strukturwandel tut.“

Wenn etwas von außen implementiert und völlig neu aufgebaut wird, funktioniert das meistens nicht. Das Risiko für die Lausitz ist groß

Schwierig wird es, wenn der Wandel dem politischen Willen folgt. „Der Kohleausstieg ist keine wirtschaftspolitische Entscheidung, sondern eine umweltpolitische“, sagt Nützenadel. Für die Lausitz, die noch von der Energiewirtschaft abhängt, ist das riskant. „Wenn man etwas von außen implementiert und völlig neu aufbaut, funktioniert das meistens nicht.“

Natürlich waren es auch politische Gründe, die den Aufstieg der Braunkohle zur Kernindustrie in der Lausitz befördert haben. Lange vorher lieferte die Kohle nur die Energie für die Textilfabriken und Glashütten. Erst nach dem Ersten Weltkrieg entschied die Politik, die Braunkohle zum Energieträger Nummer Eins zum machen. Weil die Steinkohle aus den verlorenen Gebieten im Westen des Reichs nicht mehr zur Verfügung stand.

Unter den neuen Bedingungen war die Nachfrage nach Lausitzer Kohle plötzlich hoch. „Dagegen wissen wir heute nicht, ob für neue Industrien, die dort angesiedelt werden, ein Markt existiert“ Fraglich ist auch, ob man solche komplexen Prozesse überhaupt politisch gestalten kann.

Süditalien ist ein Beispiel für misslungenen Strukturwandel. Trotz Millionenförderung blieb das Mezzogiorno eine wirtschaftliche Krisenregion

Dass Ansiedlungen großer Unternehmen sofort einen Aufschwung bringen, ist ein Irrglaube, dem schon viele Regionen aufgesessen sind. Süditalien ist dafür ein Beispiel. Seit den 1950er Jahren wurden viele Anstrengungen unternommen, um das Mezzogiorno, das bis dahin von Landwirtschaft lebte, zu industrialisieren. Neben Stahlwerken wurde ein ganzer petrochemischer Sektor aufgebaut. Milliarden aus Rom und Brüssel flossen in die Fabriken an Italiens Stiefelsohle. Das geschah allerdings ohne Rücksicht auf vorhandene Strukturen – und ging deshalb schief.

Italiens Süden, wo gleichzeitig tausende Menschen abwanderten in die Industrieregionen Westdeutschalnds, ist bis heute eine wirtschaftliche Krisenregion in Europa. „Da entstanden große Unternehmen, die völlig abhängig sind von staatlichen Frädermitteln“, sagt Historiker Nützenadel.

Süddeutschland hat nach dem Krieg den Aufstieg geschafft. Es gelang dort, die Tradition der Familienunternehmen wiederzubeleben

Besser erging es dem Süden Deutschlands. Baden-Württemberg und Bayern waren gleichfalls stark ländlich geprägt und galten als rückständig. Diese Länder wurden durch eine sehr starke regionale Förderung entwickelt. Das ging nur, weil es dort bereits eine unternehmerische Tradition gab, auf die sich aufbauen ließ. „Baden-Württemberg hat eine lange Tradition von familien-bassierten Industrieunternehmen seit dem 19. Jahrhundert“, sagt Nützenadel. „Da knüpft man nach 1945 wieder an und das funktioniert gut.“

Ein solides unternehmerisches Wurzelwerk ist eine gute Grundlage, die auch wirtschaftlichen Wandel begünstig. „Wenn man Familienunternehmen hat, die in einer bestimmten Region schon seit Generationen produzieren, dann ist es möglich, dass die sich verändern. Darauf lassen sich langfristig ganze Cluster aufbauen – also Ballungen von Firmen einer Branche, wie das im Silicon Valley oder um Dresden und Jena glelungen ist. Dort entstanden starke Standorte von IT und Optik.

Gelingen kann ein Wirtschaftswandel nur da, wo Ideen udn Ressorucen auf den pasenden Arbeitsmarkt treffen. „Man braucht eine regionale Verdichtung von Know-How, Kapital und Arbeitsmarkt“, sagt Nützenadel. „Dann verstärken sich die positiven Merkmale.“

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