Ersehnte Rückkehrer

Dass die weggezogenen jungen Leute zurückkehren, ist ein alter Traum im Osten Deutschlands. Aber was bringen die herzerwärmenden Werbekampagnen um die verlorenen Einwohner wirklich?

Weißwasser ist die verlassenste Stadt Deutschlands. Seit der Wiedervereinigung ist sie auf ein Drittel ihrer einstigen Größe geschrumpft. Torsten Pötzsch ist hier Bürgermeister. ”Wir setzen auf Rückkehrer, die hierher ziehen und etwas aufbauen wollen“, sagt er. Das gleiche versuchen viele Bürgermeister im Osten Deutschlands. 

Aber wird sich diese Hoffnung erfüllen? Seit Jahren schon werben die Städte intensiv um Rückkehrer. Politik und Wirtschaft klammern sich regelrecht an die Wunschvorstellung von gut ausgebildeten Söhnen und Töchtern, die nach Jahren in der Fremde wieder nach Hause kommen.

Weißwasser hat nicht viel, auf das es sonst hoffen kann. Der Ort klebt im Osten Sachsens an einem Baggerloch. Nach Polen könnte man joggen, es liegt ganz nahe. Geht aber nicht, weil dazwischen der riesige Tagebau Nochten II liegt, die letzte Perle der Braunkohle-Industrie in der sächsischen Lausitz. Als die Kohle noch ökologisch tragbar war und die Glashütten, für die die Stadt bekannt war, auf Volllast fuhren, erlebte Weißwasser seinen Höhepunkt. Das war Ende der 80er Jahre. 

Heute leben hier 16 000 Menschen. Um vom Landstädtchen zum Industrieort zu wachsen, brauchte Weißwasser 80 Jahre. Das Schrumpfen hinterher dauerte 30 Jahre. Und es dauert an. Die Stadt braucht nur noch eines nötiger als neuen Mut und Geld: Menschen. Bürgermeister Pötzsch ist Ende 40. Seine lockige Mähne macht ihne löwenhaft. Eine Partei hat er nicht, seine Bewegung heißt “Klartext”. Wenn Pötzsch Hoffnung verordnet, dann hat Weißwasser welche. Seine Rechnung ist einfach: 30 000 Exil-Weißwasseraner leben irgendwo draußen im Land. Die meisten in den westlichen Bundesländern, viele auch in Berlin und Leipzig. Das ist die Bevölkerungsressource, auf die es Pötzsch abgesehen hat. 

30 000 Exil-Weißwasseraner leben irgendwo da draußen. Auf sie hat es der Bürgermeister abgesehen

Schätzungsweise 3,7 Millionen Menschen haben seit den 90er Jahren den Osten in Richtung Westen verlassen. Die Statistik verzeichnet nur jene, die ihren Hauptwohnsitz verlagerten. Die meisten gingen, weil sie keine Arbeit hatten, oder weil sie bessere Chancen im Westen sahen. Jetzt gibt es Arbeit und Chancen – und der Osten will diese Menschen zurück. Rückwanderung ist ein Zauberwort geworden, das die Lösung für alles verspricht. Sie soll neue Lebenskraft bringen in die Landstriche abseits der großen Städte. Sie soll die Tristesse beenden, die sich ins Mark der Gesellschaft frisst. Die Wirtschaft wird niemals aufholen können, wenn es nicht gelingt, jene, die etwas können, vom Leben in Orten wie Weißwasser zu überzeugen.

Um die verlorenen Landeskinder heim zu locken, wurden teure Kampagnen aufgelegt. Sie tragen Namen wie “Ankommen in Brandenburg” oder “Sachse komm zurück”. Verlassene Orte schreiben Postkarten an die, die ihnen den Rücken kehrten, auf denen Botschaften stehen wie: “Heeme fehlste!” Mit diesem mundartlichen Aufruf versucht es die brandenburgische Stadt Spremberg. Wer heimkehrt, bekommt umfangreiche Amtshilfe. Agenturen suchen Kindergartenplätze und Jobs für die Partner, es fließen sogar Umzugsprämien. Sachsen-Anhalt bietet Rückkehrern zinslose Darlehen von 25 000 Euro, in Thüringen zog die CDU 2019 mit dem Versprechen von 5000 Euro Begrüßungsgeld in den Landtagswahlkampf.

Eine Partei hat Bürgermeister Pötzsch nicht. Seine Bewegung heißt "Klartext". Wenn er Zuversicht verordnet, dann hat Weißwasser welche.
Eine Partei hat Bürgermeister Pötzsch nicht. Seine Bewegung heißt „Klartext“. Wenn er Zuversicht verordnet, dann hat Weißwasser welche.

Die Politik will den Weg zurück mit allerlei öffentlichen Mitteln versüßen. Das hat gute Gründe, denn Menschen um die 30 mit guten Zeugnissen verlagern nicht so leicht ihren Arbeitsplatz. Viele haben anderswo schon Wurzeln geschlagen. Wenn Kinder mit einem Partner da sind, der woanders her kommt, dann sinkt die Bereitschaft zum Umzug. Zumal die Regionen, um die es geht, weder für hohe Löhne noch für ein attraktives Gesellschaftsleben bekannt sind. 

Der Ruf der Heimat verhallt allzuleicht. Bevölkerungsexperten wissen das. Michaela Fuchs vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung hat die Potenziale von Wanderungsbewegungen für mehrere ostdeutsche Bundesländer analysiert. Ihre Erkenntnisse sind ernüchternd. Es kommen keine Scharen an Menschen zurück, höchstens ein paar wenige. “Insgesamt ist das Phänomen ein Tropfen auf den heißen Stein”, sagt die Berufsforscherin aus Halle. Wer zurückkehren will, tut das in den ersten drei Jahren nach dem Weggang. Danach ist er für die alte Heimat so gut wie verloren. Das ganze Thema hat, meint Fuchs, “höchstens anekdotische Evidenz”. 

Rückkehr ist das Zauberwort, das die Lösung für alle Probleme verspricht

Einige kehren aber doch zurück. Terence Böhme ist 38 und gerade wieder Görlitzer geworden. In der Stadt an der Neiße sieht der Software-Entwickler gute Chancen für sich und seine Familie. Böhme ist in der Nähe aufgewachsen zu einer Zeit, als jungen Leuten noch erzählt wurde, sie müssten von hier weg, wenn sie erfolgreich sein wollen. “Viele aus meiner Klasse haben ihr Glück in Westdeutschland gesucht”, sagt er. Er selber ging dann auch. Nach dem Informatikstudium In Görlitz fand er Arbeit in der Schweiz. Später lebte er einige Zeit in Darmstadt zusammen mit seiner Frau, die auch aus der Oberlausitz stammt. Alles passte gut: das Haus, Jobs für beide und drei Kinder. 

2018 erreichte ihn der Ruf der Heimat. Böhmes Chef machte ihm ein Angebot: “Dann machst Du dort eine Niederlassung auf.” Eine Geschichte wie aus dem Bilderbuch für die Rückkehr-Gläubigen, sogar Sachsens Ministerpräsident reiste an, um dem verlorenen Sohn, der als Gründer zurückkam, die Hand zu schütteln. Görlitz braucht Mittelstand, gerne solchen, der mit Software zu tun hat. Böhmes Firma hat zurzeit acht Mitarbeiter. Sie sitzen an Laptops unter bemalten Holzdecken eines barocken Stadthauses. Im Innenhof rankt Efeu an mittelalterlichen Gemäuern. Mittelalter und digitale Moderne, und das in einer Stadt, deren Zwilling auf der anderen Flussseite schon in Polen liegt. Wenn diese Mischung spannend genug ist, um Nerds mit guten Zeugnissen anzulocken, dann hat Görlitz eine Chance, mehr zu sein als eine Filmkulisse. Dafür investiert die Politik viel Geld. Ein neu angesiedeltes Institut für digitale interdisziplinäre Systemforschung soll 200 Fachleute beschäftigen. Und Siemens hat versprochen, als Kompensation für gestrichene Industriearbeitsplätze an ihrem Görlitzer Standort einen Innovationscampus einzurichten. 

Das alles sind Signale, die aber nur etwas bringen, wenn Zuzügler kommen, die genug drauf haben, um das Versprechen vom Silicon Valley an der Neiße mit Leben füllen. Was nutzt es schließlich, Steuergeld locker zu machen für Projekte vor Ort, die keiner durchzieht? Im ländlichen Raum des Ostens schwindet das intellektuelle Potenzial. Orten unter 10 000 Einwohnern laufen die Akademiker davon. Allein mit dem Versprechen von freien Bauplätzen und Kindergärten lassen sie sich kaum halten. 

Brandenburg behauptet, es hätte 800 000 potenzielle Einwohner in der Hinterhand

Was also nützt die ganze Werbung? Bislang nicht viel, meint Mirko Titze vom Leibnitz-Institut für Wirtschaftsforschung in Halle: “Es ist unwahrscheinlich, dass viele Menschen wiederkommen, die nach Westdeutschland abgewandert sind.” Titze misst den Effekt von Subventionsprogrammen. Der Effekt der Rückkehrer ist bislang kaum messbar, meint er. 

Aber davon lassen sich die Werber nicht abhalten. Das Land Brandenburg behauptet unverdrossen, es hätte 800 000 zusätzliche Einwohner in der Hinterhand. So viele stünden praktisch bereit, sofort einzuziehen, wenn man ihnen einen guten Grund gibt. Es sind die, die seit 1990 Spree und Havel den Rücken gekehrt haben. Sie stellen, so heißt es in einem Kampagnentext aus Potsdam, “bei einer möglichen Rückkehr ein enormes Potenzial für das Land dar”. 800.000, das wäre ein Plus von 30 Prozent an Bevölkerung in Brandenburg. Wolkenkuckucksheime sind auf solidem Fundament gebaut. 

Es geht bei den Kampagnen nicht nur um das Potenzial für die Wirtschaft, sondern um demonstrative Wertschätzung – und um große Gefühle. Anders gesagt: um die Begleichung einer historischen Schuld. Ostdeutschland knabbert noch immer am Exodus nach der Wende, auch wenn der schon ein Vierteljahrhundert zurückliegt. Der Verlust einer ganzen Generation ist als kollektives Trauma geblieben. Dass es nicht genug Arbeit gab und wenig Grund zu bleiben, das hat das Selbstbewusstsein ganzer Regionen pulverisiert. Geblieben ist das Gefühl von “Hier geht nichts voran”.

So leicht lässt sich der Osten nicht zum Einwanderungsland machen. Denn die Ansprüche an jene, die kommen sollen, sind ziemlich hoch. Die Heimkehrer sollen ein Lohngefälle akzeptieren, das 30 Jahre nach der Wiedervereinigung immer noch klafft. Sie sollen gegen die Wanderungsströme anschwimmen, die nach Berlin, Stuttgart und London führen. Sie sollen die Karrierewege ignorieren, die junge Akademiker erstmal ins Ausland treibt. Sie sollen die Berufschancen in internationalen Großunternehmen und Forschungsinstituten sausen lassen, die ihnen, anders als noch ihren Eltern, offen stehen. Und das wegen Omas Häuschen und den Schulfreunden. 

Es gibt keine spezielle Ost-West-Wanderung mehr

Abwanderung ist ein Prozess, der sich selbst verstärkt. “Da kommt man zu Klassentreffen und stellt fest, alle sind weggezogen”, sagt Tim Leibert vom Leibnitz-Institut für Länderkunde in Leipzig. Eine Rückwanderung hat vorrangig soziale Gründe. “Aber die müssen auch da sein, sonst macht man das nicht.”

Es gibt heute keine spezielle ostdeutsche Form von Binnenwanderung mehr. Wissenschaftler können sie, so sehr sie auch suchen, nicht ausfindig machen. Ostdeutsche wandern nicht anders als Westdeutsche, seit die große Arbeitsmigration der 90er Jahre abgeebbt ist. Jedenfalls kommen keine Massen an Ostdeutschen zurück in den Osten, nur weil dort die Lichter ausgehen. Migration geht anders. Sie konzentriert sich in Deutschland um die großen Städte. Dort ziehen junge Leute hin. Weil sie studieren wollen und weil das Lebensgefühl für sie attraktiv ist. Für den ländlichen Raum ist das eine ganz schlechte Nachricht. Denn auf Dauer dürften sich die Unterschiede zu den städtischen Räumen eher vergrößern. Egal, ob es sich um die Eifel oder Friesland handelt – oder die Lausitz. 

Städte wie Weißwasser könnten dabei auf der Strecke bleiben. Das Städtchen liegt abseits der Pendelrouten. Die Wege auf die starken Arbeitsmärkte in Bayern oder Niedersachsen sind zu weit. Kaum jemand wird hier wohnen und anderswo arbeiten. Bürgermeister Pötzsch muss trotzdem Zuversicht verbreiten. „Es kommen immer mehr Leute zurück nach Weißwasser”. Sagt der Bürgermeister. Was sonst könnte er sagen. 

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