Das Comeback der Small Town East Germany

Wenn politischer Wille und Geld zusammenkommen, dann kann man Großest gestaltet. Hoyerswerda ist ein städtebauliches Produkt der DDR

Erst war er out, jetzt kommt er wieder, der DDR-Beton. Die Reste des sozialistischen Städtebaus erobern das Herz der Architekten. Denn sie haben 30 Jahre nach der Wiederfereinigung Seltenheitswert erlangt.

Schönheit ist überhaupt das Wichtigste. Ohne Schönheit kann eine Stadt nicht funktionieren, davon ist Heinz Nagler überzeugt. Die Ästhetik hat bei ihm Priorität. Auch Anfang der 90er Jahre, als er sich daran machte, Cottbus ein neues Gesicht zu geben. Die Plätze und Hauptstraßen der Innenstadt ächzte damals unter zu viel schlechtem Beton. Daneben vergammelten in den Gassen die Altbauten. Nagler ließ sich nicht beirren: „Eine Stadt muss schön sein, damit sie Leute anzieht.“

Der Architekt und Stadtplaner hatte ie Aufgabe aus alledem etwas zu machen, das hält und funktioniert. Er nahm es als Chance, Schönheit von Dauer zu kreieren. Die Deutsche Einheit war gerade erst vollzogen. Die neuen Zeiten brauchten ein neues Erscheinungsbild. Und Cottbus, die Metropole der Lausitz, die größte Stadt zwischen Berlin und Dresden, brauchte neben modernen Wohnungen und Straßen ohne Schlaglöcher auch einen ästhetischen Aufbruch. Dafür war die Gelegenheit perfekt. Wenn sowieso alles aufgewühlt wurde, dann sollte etwas Besonderes entstehen. „Alles, was wir tun, kreiert Form und Raum“, sagt Nagler. „Wir können nicht nicht gestalten.“

Seit der Wende ist in Cottbus jedes dritte Haus neu entstanden. Eine gewaltige Transformation hat stattgefunden

Ostdeutschlands Städte haben seit 1990 ihr Gesicht verändert. Der Beton der DDR wich neuen Bauten. Heinz Nagler hat viele Innenstädte in der Lauistz neu gestaltet. Der gebürtige Schwabe hat Plätze, Straßen und Grünflächen geschaffen, die vorher nicht da waren. Die „gewaltige Transformation“ dieser Lebensräume entstand zu einem Teil an seinem Reißbrett.

Laut Naglers Rechnung ist Cottbus seit der Wiedervereinigung zu mehr als 20 Prozent neu gebaut worden. Schätzungsweise jedes dritte Haus in der Stadt ist neu. Das ist ein gewaltiges Maß an Neuerung, das nur möglich war, weil öffentliches Geld, privater Einsatz und gemeinsame Anstrengung zusammenwirkten. „Daran kann man erkennen, dass die Gesellschaft als Ganzes gut dasteht“, sagt der 65-Jährige.

Heinz Nagler, Jahrgang 1955, hat nach der Wende die Innenstädte der Lausitz neu gestaltet. "Eine Stadt muss attraktiv sein", sagt er
Heinz Nagler, Jahrgang 1955, hat nach der Wende die Innenstädte der Lausitz neu gestaltet. „Eine Stadt muss attraktiv sein“, sagt er

Nagler kam 1991 nach Cottbus und lehrt seit 1994 an der Brandenburgischen Technischen Universität (BTU) Architektur. Die Kleinstädte des Ostens hatten ihn schon in den 80er Jahren fasziniert, als er noch Assistent in Stuttgart war. Diese „Small Town East Germany“ hatte für ARchitekten einen Reiz. Im Osten gab es sie noch: Gut durchdachte und erhaltene Stadtanlagen. In Westdeutschland dagegen war nach dem Krieg die Moderne eingezogen, hatte Parkhäuser und schlichte Kästen hinterlassen. Dem Osten fehlte dazu in der Fläche das Geld. So blieb viel alte Bausubstanz erhalten, weil ncihts anderes verfügbar war. Eine Substanz, auf die er sich nach dem Ende der DDR stürzen konnte.

Schrumpfende Städte brauchen eine doppelte ästhetische Strategie. Von außen her Rückbau und von innen her positive Entwicklung

Diese Innenstädte sind alle ähnlich. Kirche, Markt und Brunnen sind immer am gleichen Platz. So ist das selbst da, wo man es nicht mehr auf den ersten Blick erkennt. Als der Cottbuser Altmarkt aufgebaggert wurde, fanden sich darunter die Reste des mittelalterlichen Rathauses. Man überlegte kurz und schüttete sie wieder zu. Ideen, das Gebäude wieder aufzubauen, gab es zwar – aber anders als in Potsdam, Berlin und Dresden klemmte sich keine breite Bürgerbewegung dahinter, das Historische wiederzubekommen. Die Cottbuser hatten andere Sorgen.

Die Stadt war schon bald mit Schrumpfung konfrontiert. Stadtplaner entwickelten dafür eine doppelte Strategie. „Wir mussten die sTädte vom Rande her schrumpfen und von der Mitte her positiv entwickeln“, sagt Nagler. Überall in der lausitz verschwanden so Wohnblöcke, in die niemand mehr ziehen wollte. „Die Städte, die das hingekriegt haben, stehen heute gut da.“

Lübben ist so ein Beispiel. Die anfangs vpllig devastierte Stadt ist Heinz Naglers Lieblingswerk. Als er dort den Markt gestalten sollte, konnte er den nicht mal erkennen. Da war nur ein Parkplatz. Lübben, sagt er, zeigt, wie man eine traditionelle Stadt modern wiederaufbauen kann. Die kleinen Parzellen wurden beibehalten: Ein Haus, ein Grundstück, ein Bauherr – die Small Town ist vom Ursprung her eine Gemeinschaft slebstbewusster Hausbesitzer. Lübben konnten die Stadtplaner großflächig angehen. Das war ein Glücksfall, der selbten ist in Naglers Zunft: „Man muss groß denken, aber dann kleinräumig gestalten“, sagt er. „So entsteht Qualität.

Wenn Geld, politischer Wille und Ästhetik zusammenkommen, dann kann man Großes gestalten

Die DDr gestaltete in großem Rahmen. Auf der grünen Wiese entstanden völlig neue Städte wie Hoyerswerda. Auch Cottbus ist vom Bahnhof bis zur STadtmitte aus einem Guss neu enstanden. Das gab es so nur im Osten. Nagler hat das beeindruckt. „Wenn Geld, politischer Wille und Ästhetik zusammenkommen, dann kann man Großes machen.“

Nach 1990 stellt sich die frage, was mit der DDR-Bausubstanz nur weren soll. Den einst begehrten Neubauwohnungen liefen die Bewohner weg. Die Nachwendezeit hatte Komfortableres zu bieten. Lange standen die Betonkollosse im Schatten, manche lieblos saniert, andere gar nicht. Die Zukunft war aber zu ungewiss, um sich entschlossen von den Bauten in Blockbauweise zu trennen. Heute schreibt man diesen Gebäuden wieder einen Denkmalwert zu. Das hat einen einfachen Grund: Sie sind selten geworden. Denkmal heißt eben auch, dass das Vorhandene ein Recht hat, da zu sein. Es hat sich schließlich durch die Zeiten behauptet.

Nun muss sich Cottbus im STrukturwandel behaupten. Das sollte nicht schwer sein, sagt Architekt Nagler. Für eine STadt mit 100 000 Einwohnern ist einiges vorhanden: Eine Universität, eine lebendige Sport-Szene und das einzige Museum für moderne Kunst in Brandenburg. Durch dei STadt zieht sich ein grüner Gürtel entlang der Spree. Mit dem Ostsee, wenn er dann fertig ist, kommt ein neues Landschaftselement dazu. „Das ist die Neuerfindung von Cottbus.“

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