Leipzig 1813: Dresche für Napoleon

Vor 200 Jahren verlor Napoleon die Völkerschlacht bei Leipzig. Es war eines der größten Gemetzel aller Zeiten, das die Stadt nun mit einem internationalen Kostümfest feiert. Darf man das? Erschienen im Tagesspiegel am 17. Oktober 2013

Noch ist kein Schuss abgefeuert. Aber schon heißt es: Hoch die Tassen! Im Dörfchen Liebertwolkwitz, das sich von Süden her an Leipzig anlehnt, wartet die Spitze der russischen Armee am Stehtisch auf den Gegner. Die Bierkrüge sind groß und die Hosen eng. Alexej Danielowsk, russischer General im vollen Federschmuck, mit Oberst Alexej Arschenow. Im wahren Leben ist der eine Hotelmanager in Moskau und der andere stellt sich vor als Ex-Offizier und Businessman. Aber wenn sie losgelassen, dann ziehen sie im Dienste des Zaren über die historischen Schlachtfelder des Vaterländischen Kriegs gegen Napoleon Bonaparte. Letztes Jahr war der 200. Geburtstag der Schlacht von Borodino zu feiern. In dem Dörfchen bei Moskau, ging der Kaiser der Franzosen gerade so eben als Sieger vom Platz. In Liebertwolkwitz an diesem Wochenende wird er verlieren.

Die Völkerschlacht bei Leipzig, die im Oktober 1813 auf einem Acker in der Nähe drei Tage lang tobte, war ein Fiasko für den Franzosen und ein Comeback für die Deutschen. Halb Europa kämpfte mit, deshalb Völkerschlacht. Ein epochales Gemetzel mit Zehntausenden Toten, aber das einzige historische Ereignis, das Leipzig im Namen trägt. Das ist der Stadt Grund genug, das Jubiläum in großem Stil zu feiern. Seit Tagen steigt ein Mummenschanz mit bunten Uniformen, Tanz und Landwein in Strömen.

Leipzig wirft sich in Uniform, debattiert über Völkerverständigung und feiert den Umstand, dass man heute schlauer ist als 1813

Die beiden hochrangigen Russen genießen das Spannungsfeld aus Krieg und Frieden auf fremdem Territorium. „Dieses Jahr ist Leipzig dran“, sagt Oberst Arschenow, „Und nächstes Jahr nehmen wir Paris ein.“ In Vorfreude darauf spricht er schon in Leipzig nur französisch. Das Zeitalter Napoleons, sagt Hotelmanager Danielowsk, sei viel eleganter gewesen als unsere ungehobelten Zeiten. „Damals war alles viel chevaleresker“, sagt er. Aber allein mit ritterlichem Gehabe lässt sich keine Schlacht gewinnen. Es braucht viel Kriegsvolk, das lagert um die Ecke.

Vorm Liebertwolkwitzer Konsum lungern die Jungs von der kurmärkischen Landwehr. Sie rauchen Chesterfield und lassen die Pulle kreisen. Wann sie losstürmen? Keine Ahnung! Ihr Chef ist noch unterwegs.

Mit dem Jubiläum der Völkerschlacht haben viele Leipziger ihre liebe Not. Was soll man aber auch machen, wenn sich eins der größten Blutbäder aller Zeiten zum 200. Mal jährt? Der sächsische Weg sieht so aus: Man veranstaltet ein gigantisches Nostalgiker-Spektakel, debattiert zwischendrin über Völkerverständigung und feiert den Umstand, dass man heute klüger ist. Höhepunkt ist am Sonntag ein Schlacht-Nachspiel, bei dem 6000 Verkleidete aus aller Welt so tun, als wäre 1813 und Napoleon stünde vor der Tür.

Wäre tatsächlich 1813, dann hätte der Franzosenkaiser eben jetzt einen desaströsen Rückzug aus Russland hinter sich. In Moskau wäre seine Glückssträhne abgerissen, er hätte die Stadt ohne Sieg verlassen und dann durch den Winter heimziehen müssen, wobei viele seiner Soldaten erfroren wären. Er hätte sich dann mit Gewalt ein neues Heer zusammenrekrutiert, mehr als 400 000 Soldaten an der Zahl, darunter viele Deutsche. Die stünden nun bei Leipzig 180 000 Russen, 160 000 Preußen, 130 000 Österreichern und 23 000 Schweden gegenüber. Viele Sprachen, viele Völker, eine Völkerschlacht.

Im Original wäre jetzt jedes Dorf verbrannt, jede Familie vertrieben, jedes Huhn verschlungen und jede Maid geschändet. Krieg ist kein Volksfest

An den Originalschauplätzen läuft seit Mitte der Woche ein Wiedersehen der internationalen Reenactment-Szene, wie es die Welt noch nicht gesehen hat. Diese Szene gefällt sich darin, Jahr für Jahr, manche sogar jedes Wochenende, alte Schlachten zu schlagen.

Die Vereine und die vielen aktiven Napoleon-Fans legen Wert darauf, bis zum Knopfloch originalgetreu aufzulaufen. Deshalb wurden im Kulissen-Vorort Liebertwolkwitz Zivilisten angeheuert, die für zeitgenössisches Lokalkolorit sorgen. Problem dabei: Mitte Oktober 1813 stünde, streng genommen, südlich von Leipzig kein Stein mehr auf dem anderen. Es würden keine rosigen Marketenderinnen Zwiebelzöpfe binden, keine Kinder Seil springen. Kein Schneiderlein würde seelenruhig nähen. Es wäre jedes Dorf verbrannt, jede Familie vertrieben, jedes Huhn verschlungen und jede Maid geschändet. Krieg ist kein Volksfest.

Das Gefecht am Sonntag wurde von einer militärhistorischen Kommission entwickelt und geprüft. Das hügelige Gelände mitsamt historischem Kulissendorf passt zu Dokumenten und Bildern, die von der Schlacht berichten. 500 000 Quadratmeter knallechte Kriegsatmosphäre. Stolze Gastgeber sind die Sachsen, obwohl sie vor 200 Jahren auf der falschen Seite standen – und zusammen mit Napoleon verloren.

Die grüne Uniform hat er selbst genäht, alles von Hand. Wenn er kaputt von der Arbeit kommt, sagt er sich: Los, noch 30 Zentimeter Naht!

Tobias Reh hat die Schnauze voll. Der Kanal-Tiefbauer aus der sächsischen Leichtinfanterie ist 48 und hat schon viele Schlachten in den Knochen. Im August Großbeeren, im September Dennewitz. Scharmützel, die es nicht in die Geschichtsbücher schafften. Immer mussten die Sachsen den Rückzug der Franzosen absichern. „Wir wurden ja permanent zusammengeknallt“, sagt Reh. Und jetzt ist der Krieg im eigenen Land. Die grüne Uniform hat er selbst genäht, alles von Hand. Wenn er kaputt von der Arbeit kommt, sagt er sich: „Los, noch 30 Zentimeter Naht!“

Als Kind mochte Tobias Reh Zinnsoldaten, später trat er einem der Leipziger Völkerschlacht-Vereine bei. Ein Spektakel wie dieses ist nur ein Drittel seines Hobbys, sagt er. Der Rest sind Recherche und nähen, nähen, nähen. Vor Jahren hat er im Stadtarchiv von Torgau Schnittmuster für einen Uniformrock gefunden. Noch echt mit Knopfrabatte und Ärmelaufschlägen. „Das war so ein richtiges Indiana-Jones-Gefühl.“

Aber als letzter Schütze im Franzosenheer fühlt sich der Sachse Reh nicht so wohl. Viele seiner Kameraden sind schon zu den Alliierten übergelaufen. Die gewinnen ja sowieso. Will er nicht auch rübermachen? „Das ist in der Szenerie eigentlich nicht vorgesehen.“

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