#Tief im Osten: Die Lausitz kann auch 2030 aus der Kohle

Ein Kohleausstieg bis 2030 wäre für die Lausitz kein Drama. Der Bergbau-Betreiber Leag legt jetzt schon Tagebaue lahm und investiert großflächig in Wind.

Der Kohleausstieg hat eine neue Zahl bekommen. Neben dem beschlossenen Endjahr 2038 ist jetzt immer öfter von 2030 zu hören. In weniger als einer Dekade wäre demnach Schluss mit der Förderung und der Verstromung der Braunkohle. Gedankenspiele dieser Art kommen in der Lausitzer Kohlebranche gar nicht gut an. Als Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) jüngst fallen ließ, sie könne sich den Ausstieg bis 2030 gut vorstellen, war die Entrüstung in der Cottbuser Kohleszene unüberhörbar. „Wer dem Kohleausstieg 2030 das Wort redet, zerstört den Konsens“, ließ der Konzernbetriebsrat der Leag schriftlich wissen. Und schob hinterher: „Politische Brandstifter gefährden nicht nur den sozialen Frieden in der Lausitz!“

Eine brave Sozialdemokratin wie Schulze als politische Brandstifterin anzuprangern, das passt nicht zum sonst so nüchternen südbrandenburgischen Wesen. Überhaupt passt der Unmut der Leag-Belegschaft nicht zu dem, was ihr eigener Arbeitgeber gerade tut. Denn der Bergbau-Betreiber macht neuerdings ganz groß in Wind.

Die Leag vollzieht einen innerbetrieblichen Kohleausstieg. Lieber will das Unternehmen am Windkraft-Boom teilhaben

Soeben hat der Bergbau-Betreiber angekündigt, 50 Windkraftanlagen anzuschaffen. Mit diesem Großauftrag will man „technologisch moderne, leistungsstarke und umweltfreundliche Windenergie-Projekte in der Lausitz und Ostdeutschland“ umsetzen, erklärt das Unternehmen. Der vor wenigen Wochen frisch umbesetzte Vorstand der Leag setzt in großem Stil auf Wind statt Kohle. Derweil ruhen im Tagebau Jänschwalde die Bagger wahrscheinlich bis Herbst, weil die Kohle von dort keinen Absatz mehr findet. Für die Mitarbeiter des Tagebaus wurde Kurzarbeit beantragt. Corona-bedingt, wie es heißt.

Was da in Summe passiert, lässt sich zusammenfassen mit: Die Leag vollzieht einen innerbetrieblichen Kohleausstieg. Das ist für das Unternehmen und seine 7400 Mitarbeiter sinnvoll, schließlich schwächelt das Geschäft mit dem Kohlestrom. Der Kohleausstiegs-Beschluss hat das Kerngeschäft zu einer sterbenden Industrie gemacht. Derweil wächst die Windbranche, für die die Leag gute Voraussetzungen mitbringt. Sie verfügt über gigantische Flächen, auf denen die Windräder in Seelenruhe rotieren können. Wer in einer Region hockt, in der das Fördergeld locker sitzt für alles, was nach sauberer Energie riecht, wäre dumm, wenn er daraus nicht machen würde.

Die Kohle hat keine lebenserhaltende Funktion für die Lausitz mehr. Von dieser Erzählung verabschiedet sich die Industrie nun

Dann könnte doch alles fein sein mit dem früheren Kohleausstieg, wenn es dazu käme. Warum also flippt die Kohlebelegschaft dermaßen aus? Das hat mit Gewohnheit zu tun. Das Mantra der Kumpel war ja lange, dass Erneuerbare Energien nichts taugen. Die galten als wirtschaftlicher Kleinkram und als Jobkiller. Man hatte sich eingerichtet in Misstrauen und Ablehnung gegen alles, was vom Wetter abhängt und noch nicht optimal gespeichert werden kann. Nur die Kohle, hieß es immer, halte verlässlich warm. Das Erhaltungsinteresse einer einzigen Branche ließ sich perfekt hochrechnen auf die ganze Lausitz: Wenn die Kohle stirbt, gehen hier die Lichter aus. Von dieser Erzählung verabschiedet sich die Leag nun selbst.

Die Kohleindustrie hat nicht mehr die lebenserhaltende Bedeutung für die Lausitz, die sie in den Verhandlungen um den Kohleausstieg geltend machte. Am inneren Strukturwandel der Leag ist das gut zu erkennen. Deren neue Geschäftsfelder sind eben jene, die gestern noch als gefährliche Konkurrenz bekämpft wurden. Nach vorne heraus will man nun in die „erste Liga der Wind-Projektierer“ vorstoßen. Die Kohle ist im Leag-Portfolio noch die Geldkuh von gestern, die sichtlich abmagert. Sollte sie sich früher verabschieden, dann leiden weder die Lausitz noch der soziale Frieden. Die Lausitz ist bereits grüner, sauberer und erneuerbarer, als die Empörung der Kumpel vermuten lässt. Die Bergbau-Industrie trägt selbst dazu bei.

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