#Tief im Osten: Was Gendersprache für die Wirtschaft tun kann

Das Gendern gilt vielen Ostdeutschen als eine Westware, die sie nicht bestellt haben. Dabei ist die Würdigung des Weiblichen überlebenswichtig für Regionen wie die Lausitz, denen die Frauen davonlaufen.

Das Gendern hat im Osten viele FeindInnen. Ja, auch Frauen. Das zeigt ein Blick in die Leserbrief-Seiten der Zeitungen, wenn dort das beliebteste aller Aufregerthemen angeschnitten wird. Ostdeutsche Männer schimpfen besonders gern über die weiblichen Endungen, die sie nicht benutzen wollen. Und Frauen springen ihnen bei. Das Argument: Brauchen wir nicht! Die DDR, wenn sie sonst schon nichts konnte, sei immerhin gleichberechtigt gewesen. Frauen nahmen selbstverständlich am Arbeitsleben teil. Fakten schlagen Sprache. Das Gendern, heißt es immer wieder, käme aus westdeutschen Uni-Zirkeln, und da solle es auch bleiben.

Mit Stolz nennen sich viele Frauen im Osten „Ingenieur“ statt „Ingenieurin“. Das hat Tradition. Die DDR kannte Parteisekretäre namens Gabi und Brigade-Vertrauensmänner namens Bärbel. Der Beruf des Industriekaufmanns war Frauen vorbehalten, ohne dass man ihn dafür gerechterweise „Industriekauffrau“ genannt hätte. Auf sprachliche Würdigung hätten diese Frauen locker verzichten können, wird oft gemutmaßt. Mag sein. Aber wer nicht benannt wird, bleibt ungesehen. Die Folgen solcher Ignoranz sind in der Lausitz zu beobachten.

Mit dem Ende der Textilindustrie verloren die Frauen ihre Bedeutung für die Lausitzer Wirtschaft. Beim Kohleausstieg geht es nicht mehr um sie

Der Strukturwandel in der Lausitz ist eine Sache der Männer. Es geht um Männerjobs, die durch den Kohleausstieg wegfallen, und durch neue Männerjobs ersetzt werden sollen. Entsprechend sitzen in den regionalen Gremien, die Förderprojekte begutachten, meist Männer unter sich. Männer entscheiden, was wirtschaftlich sinnvoll ist – und was nicht.

Vergessen ist dabei längst, dass die Frauen der Lausitz als erste deindustrialisiert wurden. Zehntausende Frauen verloren ihre Arbeitsplätze, als nach der Wiedervereinigung die Textilkombinate schlossen. Die Branche, die mal die Keimzelle der Industrie zwischen Berlin und Dresden war, beschäftigte zum Großteil Frauen. Als sie abgewickelt wurde, verloren diese Frauen auch ihre wirtschaftliche Bedeutung. Ingenieurinnen mussten umschulen und sich in schlechteren Jobs verdingen. Näherinnen mussten sich ganz neu orientieren. Wenn wenige von ihnen heute in Schauwerkstätten ihrem Handwerk nachgehen, dann gilt das nicht als Wirtschaftsfaktor – sondern bestenfalls als betuliche Selbstentfaltung.

Die Textilgestalterinnen und Glasmacherinnen, die sich mit Boutiquen selbstständig machten, kommen in der wirtschaftlichen Erzählung der Lausitz nicht vor. Ihr Beitrag wird als Kleinkram angesehen, der am Ende doch wieder von der Wertschöpfung der Kohleindustrie abhängig sei. Strukturwandel will groß denken, da geht es um Fabrikhallen, schwere Maschinen, Millionenbeträge und 1000 Arbeitsplätze in einem Rutsch, statt zwei oder drei.

Frauen verlassen den Osten eher als Männer – und kehren seltener zurück. Kein Wunder, wenn man sie mit Kitas und Spielplätzen abspeisen will

Die Industrie der Frauen ist lange weg. Die Lausitzer Industrie, um die es heute geht, ist männlich. Sie beansprucht wirtschaftliche Deutungshoheit gegenüber den Dienstleistungen, die von Frauen erbracht werden. Eine vorrangig männlich begriffene Wirtschaft geht davon aus, die Zukunft der sei dann gesichert, wenn genug Jobs für Familienväter entstanden seien.

Aber es reicht eben nicht, einen Prozess wie den Strukturwandel für die Frauen einfach mitzudenken. Den Wünschen der Frauen ist nicht damit Genüge getan, dass Kitas und Spielplätze gebaut werden. Wie falsch das ist, lässt sich bereits erleben: Junge Frauen wollen beim Strukturwandel nicht recht mitmachen, das hat der Lausitz-Monitor eben erst festgestellt. Sie haben wenig Lust, mit ihren Ideen vor Männerrunden zu scheitern. Sie konzentrieren sich lieber auf Projekte, die mehr versprechen. Wie das Studium in Leipzig oder den Job in München. Frauen verlassen die Lausitz eher als Männer – und sie kehren seltener zurück. Das hat auch mit der sprachlichen Ignoranz zu tun. Wer nicht wahrgenommen und nicht angesprochen wird, geht eben dahin, wo sie es wird.

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