#Tief im Osten: Wanderwitz spricht für den neuen Osten

Wenn politischer Wille und Geld zusammenkommen, dann kann man Großest gestaltet. Hoyerswerda ist ein städtebauliches Produkt der DDR

Weil er AfD-Wähler abkanzelt, muss sich der Ostbeauftragte nun Herzlosigkeit vorwerfen lassen. Doch die herzvollere Ansprache des alten Ostens war bislang auch nicht erfolgreich.

Marco Wanderwitz findet, viele Ostdeutsche seien noch nicht in der Demokratie angekommen – und für diese auch nicht mehr zu gewinnen. Das sitzt. Und da es hier nicht um klapprige Autos geht oder um zwei Jahre alte Tablets, sondern um Menschen, und zwar viele – nämlich das gute Viertel der Bevölkerung, das am kommenden Wochenende in Sachsen-Anhalt vielleicht wieder AfD wählt, stellt sich die Frage: In wessen Auftrag steht eigentlich dieser Beauftragte der Bundesregierung für die neuen Länder?

Einfach gesagt: Wanderwitz, der CDU-Mann aus Westsachsen, spricht für den neuen Osten. Und seine Worte meinen den alten Osten. Diese Unterscheidung ist essenziell, um zu verstehen, warum die Verwerfungen zwischen den Generationen, den Alt-Eingesessenen und den Dazugekommenen in Ostdeutschland so groß ist. Die einen können die Vergangenheit nicht lassen. Die anderen wollen Zukunft.

Der neue Osten muss sich nicht mehr gegen Fremdbestimmung wehren. Er bestimmt längst auf natürliche Weise selbst

Über den alten Osten ist inzwischen so viel geredet worden, dass es aussieht, als wäre er der einzige. Vieles wurde falsch verstanden. Der alte Osten ist nicht in der DDR steckengeblieben, sondern in der Nachwendezeit. Wer die polytechnische Oberschule besuchte und in den 90er Jahren als Selbständiger scheiterte, der sehnt sich nicht in den Sozialismus zurück. Die Ostdeutschen um die 65 sind geprägt von einer Goldgräber-Stimmung nach 1990, die harten Wettbewerb brachte und viele Enttäuschungen.

Der alte Osten denkt bei Wirtschaft zuvörderst an die Treuhand, die herzlos abwickelte. Der neue denkt an Innovation Hubs und schreibt Anträge auf Startup-Förderung. Der alte denkt bei Politik an Landschaften, die doch nicht so toll aufgeblüht sind. Der neue denkt an gesellschaftlichen Zusammenhalt in einer vielfältigen Community. Der alte fragt als erstes: Wo kommst Du her? Der neue fragt: Wo siehst Du Dich morgen?

Der alte Osten ist ein wichtiger, großer und lauter Teil der Politik. Er hat in manchem Recht und verdient in vielem Anerkennung. Aber wir können den Osten von heute nicht mehr mit den Bildern von früher beschreiben. Eine vernünftige Politik für die Lausitz, die Altmark, das Vogtland sollte sich nicht mehr massenhafte Abwanderung zu stemmen, die nicht mehr stattfindet. Sie muss vielmehr die Zuwanderung aus allen Richtungen durch Anreize verstärken. Es geht nicht mehr darum, Industriearbeitsplätze gegen Abbaupläne zu verteidigen, sondern die Jobs so attraktiv zu machen, dass sich Bewerber finden. Der neue Osten muss sich nicht mehr gegen Fremdbestimmtheit wehren. Er bestimmt ja längst auf natürliche Weise selbst.

Die Bewältigung der Nachwendezeit konnte den alten Osten nicht mit der Gegenwart versöhnen. Dafür wurde der ganze Osten als alt wahrgenommen

Das Alte und das Neue gehören zum Osten und verdienen, angesprochen zu werden. Der Vorwurf an Wanderwitz, er würde „herzlos Menschen verloren geben“, geht fehl. Mit der sehr viel herzvolleren Art, den enttäuschten Teil der Ostdeutschen anzusprechen, sind andere Politiker nicht besser gefahren. Die SPD-Frau Petra Köpping etwa nahm sich als Ministerin für Gleichstellung in Sachsen gezielt dieser Wählergruppe an. Sie hörte ihnen lange zu, schrieb ihre Geschichten auf, schenkte maximale Aufmerksamkeit. Das Ganze geriet zu einer gruppenbezogenen Langzeittherapie in aller Öffentlichkeit. Doch das führte nicht dazu, den alten Osten mit der Gegenwart zu versöhnen. Eher dazu, dass der ganze Osten als alt wahrgenommen wurde. Köpping bemühte sich redlich um Leute, die dann doch AfD wählten.

Diese Erfahrung zeigt, so es politisch tatsächlich etwas zu gewinnen gibt: Bei den neuen Ostdeutschen. Wer jene anspricht, die gestalten wollen, kann mit konstruktiven Antworten rechnen. Und darauf hoffen, dass sich auch die anderen überzeugen lassen.

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