#TiefImOsten Wasserstoff ist die neue Kohle

Die neuen technologischen Megatrends sind wie gemacht für den Osten. Nun kann der tief verwurzelte Sachverstand in den Kohlerevieren zeigen, ob er auch ein Wirtschaftswunder kreieren kann

Wasserstoff ist so ein Ding. Plötzlich reden alle von diesem Wunderzeug, mit dem die Energiewende vielleicht zu schaffen ist, auch wenn viele noch skeptisch sind, ob Strom aus Wasserstoff wirklich verlässlich fließt. Wasserstoff wird im Osten diskutiert wie kaum ein anderer Rohstoff, seit es hieß, dass die Kohleverstromung bald an ihr Ende kommt. Plötzlich ist etwas da, das grundsätzlich kann, was man nur der Kohle zugetraut hat: Eine Industrie befeuern, die den Facharbeitern eine neue Heimat werden kann, die neuen Wohlstand und neues Selbstbewusstsein bringt.

Im Schatten der Kämpfe um die Kohle sind neue Pflänzchen gewachsen, die erste Früchte trägt. Wasserstoff ist das Paradebeispiel: Die TU Chemnitz entwickelt eine additive Produktion für die Kernkomponenten von Brennstoffzellen. Im Erzgebirge testet ein Bahn-Betreiber eine neuartige Mobilität für ländliche Räume, die mit Wasserstoff betrieben wird. Konzerne entdecken die Kohlereviere als förderfreundliche Biotope für ihre Investitionen. In Leuna, dem einst größten Chemiebetrieb der DDR, baut die Fraunhofer-Forschungsgesellschaft ein Hydrogen Lab. Es ist die erste Pilotanlage für Test und Skalierung von Elektrolysesysteme, die vollständig in einen Chemiepark integriert ist. Selbst kleine Städte tasten sich an den Wasserstoff heran und lassen sich dabei von Wissenschaftlern beraten.

Der Osten ist mental im Vorteil, wenn es um die Entwicklung neuer Industrien geht. Das eher technische Verständnis von Welt zahlt sich hier aus

Wie es aussieht, ist der Osten mental im Vorteil, wenn es um die Entwicklung neuer Industrien geht. Das liegt nicht nur am vielen freien Platz und am fetten Fördergeld. Im Osten trifft der Strukturwandel auf viel altes technisches Wissen, das sich neu einbringen will. In Jena, Leuna und Cottbus sitzt ein tiefes naturwissenschaftliches Wurzelwerk. Darauf lassen sich Megatrends wie Wasserstoff oder Künstliche Intelligenz aufsatteln. Generationen von Ingenieuren sind da, wissenschaftliche Cluster auch – das sind Standort-Vorteile, die sich jetzt auszahlen können.

Was die Ostdeutschen in den gesellschaftlichen Debatten der letzten Jahre ins Hintertreffen brachte, kann positiv wirken, wenn es um Batteriespeicher oder Verfahrenstechnik geht: Es ist das im Osten verbreitete technische Verständnis von Welt. Da funktionieren Dinge nach einfachen Naturgesetzen, sind richtig oder falsch, berechenbar und durch keinen Gegenbeweis zu widerlegen. Wo hingegen die Wahrheit mühsam ausgehandelt werden muss, wenn es um Einwanderung, Demografie oder die Folgen einer Pandemie geht, da führt die rein technische Sicht in die Sackgasse. In all diesen Debatten musste sich der Osten sagen lassen, wie man diskutiert und auf gelassene Weise Widerspruch aushält. Jetzt geht es um H2, bekannt aus dem Periodensystem, und um die durchaus berechenbare Frage, wann sich damit Geld verdienen lässt.

Bei Migration und Pandemie musste sich der Osten sagen lassen, wie man diskutiert. Jetzt geht es um berechenbare Technologien

Wasserstoff hat die alten Wirtschaftsregionen des Ostens in Wallung gebracht. Leuna, das einst von der Treuhand skandalös zerstückelte Chemie-Imperium, richtet sich auf. In Görlitz im Osten Sachsens, wo Siemens nur widerwillig blieb, baut Fraunhofer ein weiteres Hydrogen Lab – bezeichnenderweise auf dem Gelände des Siemens-Turbinenwerks. In beiden Regionen investiert der Bund zig Millionen, um seinen Beitrag zum klimaneutralen Europa zu leisten.

Beim Aufbau Ost geht es nicht mehr ums Aufholen, heißt es im jüngst erschienenen Bericht zum Stand der Deutschen Einheit. Unterschiede zwischen alten und neuen Ländern seien nicht mehr Folge von Teilung und Umbruch, steht da geschrieben. Heute sind es Globalisierung, Migration, Digitalisierung und Klimawandel, die die Regionen wirtschaftlich voneinander entfernen. Das alles wirkt in Ost und West gleichermaßen, aber der Osten in der schwächeren Position. Den Unterschied machen dauerhaft nicht die 5000 Behörden-Arbeitsplätze, die der Bund dem Osten versprochen hat. Es wird vielmehr darum gehen, welche Regionen es besser schaffen, ihre alten Stärken neu einzubringen.

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