#TiefImOsten: Flut im Kohlerevier

Lange lebten die Kohleregionen von der Illusion, dass ein gutes Leben am Tagebau möglich sei. Die Jahrhundert-Flut im Rheinische Revier hat diese Illusion zerstört.

Der Krater von Erftstadt-Blessem ist das schockierendste Bild, das von diesem Jahrhunderthochwasser bleiben wird. Teile des Ortes verschwanden binnen Stunden im Boden. Häuser sackten 20, 30 Meter tief in den Abgrund, als das Flüsschen Erft nach tagelangem Starkregen über die Ufer trat.

Diese Katastrophe vertauscht die Rollen. Im Westen Deutschlands versinken Eigenheim-Siedlungen in schlammigen Fluten. Der Osten schickt Helfer und Hilfsgüter. Die Fluten von 2002 und 2013 versenkten an Oder und Elbe ganze Orte und Gewerbegebiete, die gerade erst aufgebaut waren. Diesmal ist es nicht das Oderbruch, durch das Politiker in Gummistiefeln waten. Es sind Orte wie Erftstadt in Nordrhein-Westfalen und Ahrweiler in Rheinland-Pfalz, auf die die Republik mit Bangen schaut, weil das Unvorstellbare zuschlug und über Nacht viele Tote forderte. Es sind Orte im Rheinischen Braunkohlerevier.

In der Lausitz herrscht noch immer eine Mentalität vor, die jedes Opfer für die Industrie rechtfertigt. Das haben auch die Dürresommer nicht geändert.

Die Flut hat auch Ursachen jenseits des Klimawandels, die sich erst langsam enthüllen. Die Flut konnte so verheerende Schäden anrichten, weil sie auf versehrte Landschaften traf. Das Erdreich unter dem idyllischen Ahrweiler ist durch jahrhundertelangen Eisen- und Silberbergbau so durchlöchert, dass der vertrocknete Boden darüber die Regenmassen praktisch durchrauschen ließ. In Blessem gab eine Landschaft dem Druck des Wassers nach, aus der ganze Stücke für die Braunkohle herausgebaggert wurden. Industrien, die in der Gegend lange schon ihre wirtschaftliche Unersetzbarkeit verloren haben, melden sich mit Wucht zurück. Obwohl die Oberfläche geheilt schien, lauerten darunter Ewigkeitslasten. Dem Osten mit seinen Lausitzer Mondlandschaften muss das eine Warnung sein.

Wenn diese Katastrophe überstanden ist, werden wir anders über Natur sprechen. Auch in der Lausitz, wo Umweltprobleme noch immer als Luxusprobleme abgetan werden. Hier heißt es, die Region müsse erstmal wirtschaftlich gesunden, bevor man über Wasser, Erde, Luft und Tiere nachdenken könne. In der Lausitz herrscht noch immer eine Mentalität vor, die jedes Opfer für die Industrie rechtfertigt, selbst wenn es die eigene Lebensqualität einfordert.

Daran haben auch die letzten Sommer nichts geändert, in denen die Bergbaufolge des Wassermangels sehr real wurde, weil das Wasser fehlte, um die Vorgärten zu gießen. Im weiten Umkreis der Tagebaue in der Lausitz ist das Wasser abgegraben. Die Luft war staubtrocken, nicht nur direkt an der Abbruchkante. Die Versteppung ist kein Märchen.

Lange lebten die Reviere von der Illusion, dass ein gutes Leben am Tagebau möglich sei. Die Bilder aus Erftstadt zerstören diese Illusion.

Die langfristigen Folgen des Raubbaus betreffen die Zukunft, über die Prognosen bekanntlich schwierig sind. Aber schon jetzt zeigt sich, dass ein vernünftiger Aufbau von Strukturen nicht möglich ist, wenn der Akteur Umwelt nicht gefragt wird. Die Tagebau-Seen, die den auslaufenden Revieren eine Zukunft als Urlaubsregionen sichern sollen, könnten niemals wirklich voll werden. Was nützen noch so große Ufergrundstücke am Cottbuser Ostsee, wenn der ein Schlammloch bleibt? Die Lausitz droht zu verdursten, bevor sie sich wirtschaftlich neu entfalten kann.

Lange lebten die Reviere von der Illusion, dass am Rande der Tagebaue ein gutes Leben möglich sei, wenn man sich nur an das bisschen mehr Dreck in der Luft gewöhnt. Diese Illusion haben die Bilder aus Erftstadt zerstört. In der Fragilität dieser künstlichen Welten können ein paar Tage Regen Existenzen vernichten.

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