#TiefImOsten: Großforschung in der Mondlandschaft

Ein Großforschungsinstitut wird kommen. Dass damit Hoyerswerda ein kleines Harvard wird, ist unwahrscheinlich. Aber die ganze Lausitz kann eins werden. Wenn sie endlich die Kirchturmdenke hinter sich lässt.

Die Pilgerväter hatten gerade erst ihre Kolonie in Nordamerika gegründet. Viel Geld hatten sie nicht übrig. Aber die Notwendigkeit bestand, Geistliche auszubilden, statt sie aus England zu importieren. Ein neuer Kontinent braucht Fachkräfte. Ein reicher Puritaner trat auf dem Plan und durfte zum Dank für seine großzügige Förderung dem neu gegründeten Bildungsinstitut seinen Namen vermachen. Seit 1638 gibt es also Harvard, die heute berühmteste Wissenschaftsmarke der Welt. Wer aus Harvard kommt, muss Grips haben, selbst wenn er Donald Trumps Schwiegersohn ist. In Netflix-Serien ist der Typ im besten Anzug ein Harvard-Jurist und kündet so vor großem Publikum vom Ruhme eines erfolgreichen Stückes US-amerikanischer Strukturpolitik.

Wenn der Strukturwandel im Osten so funktioniert wie gedacht, dann wäre demnächst in ZDF-Romanzen am Sonntagabend der netteste Typ ein Astronaut aus Görlitz oder ein Erdsystemforscher aus Hoyerswerda. Das klingt ein bisschen nicht-von-dieser-Welt, aber das muss es auch. Forschung muss neues Wissen erschließen, statt längst bekanntes in neue Orte verlegen. Deshalb hat Harvard alsbald die puritanischen Prediger hinter sich gelassen und lieber auf Völkerrechtler gesetzt. Die sind heute noch gefragt.

Das Tableau staatlicher Maßnahmen auf dem Land hat sich aufgefächert. Die Ideen, was man mit seinem Städtchen anfangen kann, werden kühner

Forschung ist was Feines, das beginnen die Regionen im Strukturwandel langsam zu verstehen. Zwei Jahre nachdem erstmals zwei Zahlen die Runde machten – der Kohleausstieg im Jahr 2038 und die Strukturhilfen von 40 Milliarden Euro – machen sich Kohlestädte auf, zu Wissenschaftsstädten zu werden. Infrastruktur im ländlichen Raum, das hieß sonst immer nur Straßen und Schienen, auf denen die Leute schnell weg können. Jetzt hat sich das Tableau staatlicher Maßnahmen auf dem platten Land aufgefächert. Das hat auch das Denken in den Rathäusern erweitert. Die Ideen, was man mit seinem Städtchen anfangen könnte, werden diverser und kühner. Warum sollte nicht das nächste Harvard werden? Oder zumindest ein Teil davon.

Nachdem zwei Jahre lang darüber geunkt wurde, dass die Dutzenden von Forschungsinstitute, die zwischen Cottbus und Zittau entstehen, dem Bergmann keinen neuen Job verschaffen, versteht der Bergmann inzwischen, dass seine Kinder dort arbeiten könnten, wenn sie mit der Uni fertig sind. Die Industrieregion erkennt Bildung und Forschung werden als kritische Infrastruktur. Wenn das kein Fortschritt ist.

Nun soll die sächsische Lausitz ein Großforschungszentrum bekommen, das den Rahmen alles bisher dagewesene sprengt. Eine wahre Wissenschaftsfabrik mit fast 2000 Mitarbeitern und 175 Millionen Euro Jahresbudget wollen Bund und Freistaat irgendwo zwischen Bautzen und Zittau errichten. Allein die Ankündigung hat ungeahnte Aktivitäten in Gang gesetzt. Bürgermeister schrieben Briefe an alle möglichen Wissenschaftler im Umkreis und boten sich als Partner für das Millionenprojekt um. Denn der Bund geht hier andere Wege. Bevor angesiedelt wird, muss das richtige Forschungsfelder her. Das ist noch nicht gefunden, aber eine Vorauswahl liegt nun vor. Und, o Wunder, alle staunen. Ein Zentrum für Astrophysik könnte es werden – oder eines für Weltraum-Ressourcen. Die Entscheidung, gefällt von einer zehnköpfigen Expertenkommission, sorgt für lange Gesichter in der Lausitz. Denn die lokalen Interessen sehen anders aus.

Ein Harvard ist etwas anderes als eine Schwimmhalle. Nicht jedes Städtchen kann ein eigenes haben

An dieser Stelle beißen sich Wissenschaftspolitik und Strukturpolitik. Letztere will ansiedeln, wo etwas hin muss. Wissenschaftspolitik fragt dagegen, wo das Richtige am besten funktioniert. Das ist ein Interessenkonflikt, der zwischen Rheinland und Oberlausitz noch viel enttäuschen wird, bis die Kohle dereinst ausgeknipst ist. Ein Strukturwandel, der nicht nur Altes durch etwas anderes ersetzen will, muss weiter denken als zu den gerade angesagten Feldern, auf denen sich alle versuchen. Deshalb kann Strukturwandel keine Institute in Städtchen pflanzen, die dafür zu klein sind. Sonst gehen diese Institute ein.

Ein Harvard ist etwas anderes als eine Schwimmhalle. Nicht jedes Städtchen kann ein eigenes haben. Aber die Lausitz kann eines werden, wenn alle Städte mitmachen. Dafür muss die Region als Ganzes gedacht werden. Es muss klug überlegt werden, wo das eine hinpasst und das andere funktionieren kann. Eine Lausitz, die sich als Forschungslandschaft behaupten will, muss Kirchturmdenke und Kommunalneid hinter sich lassen. Nur dann klappt es. Wo sonst könnte man übrigens mögliches Leben auf Mars und Mond erforschen, wenn nicht in den Mondlandschaften der Tagebaue. Das passt jedenfalls.

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