#TiefImOsten: Ist die Lausitz schlau genug fürs Medizinstudium?

Cottbus bekommt die versprochene Universitätsmedizin. Der Strukturwandel macht es möglich. Jetzt muss die Lausitz beweisen, dass sie sowas auch kann.

Cottbus soll Brandenburgs Mediziner ausbilden, das ist nun amtlich und verkündet von der Landesregierung. Ein „Leuchtturm“ der Gesundheitswirtschaft soll die Lausitz werden, ein „Labor“ für die nachhaltige Versorgung von morgen. Hinter der Bombastik solcher Worte steckt, einfach gesagt, folgendes: Die Lausitz bekommt ein neues wichtiges Drei-Buchstaben-Kürzel: BTU (Brandenburgische Technische Universität) und CTK (Carl-Thiem-Klinikum) bekommen zusammen ein Baby namens IUC. Dieses „Innovationszentrum Universitätsmedizin Cottbus“ ist ein schwergewichtiges Baby. Es wird die zentrale Ausbildungsstätte für die Ärzte, die Brandenburg so dringend braucht. Was nicht alles möglich ist, wenn die Kassen voll sind!

Die fast zwei Milliarden Euro, die die Einrichtung der neuen Uni-Medizin kostet, sind Teil des 40-Milliarden-Pakets, mit dem der Bund die Reviere für die Abschaltung der Kohleindustrie entschädigt. Wie wirksam diese Entschädigung für diejenigen wird, die ihre Jobperspektiven verlieren, muss sich erst zeigen. Aber unterschätzen sollte man den Effekt nicht: Hier entsteht eine neue Industrie mit 1600 Beschäftigten in einem rasant wachsenden Sektor. Für Lausitzer Kohlearbeiter bedeutet das: Wenn sie jetzt mit ihrer Achtklässlerin fleißig Bio lernen, können sie schon im Wintersemester 2026 stolze Eltern einer Medizinstudentin sein und haben vielleicht 2036 eine Ärztin in der Familie. So etwa sieht das aus, wenn aus einer Kohleregion eine Wissensregion wird.

Eine medizinische Fakultät mit Strahlkraft bringt Selbstbewusstsein. Das braucht die Lausitz mehr als neue Arbeitsplätze.

Der Strukturwandel setzt auf Großprojekte, die nicht nur neue Arbeit versprechen, sondern vor allem Selbstbewusstsein. Davon haben alle was. Nicht nur die knapp 8000 Beschäftigten der Kohleindustrie, sondern eben alle, die in der Lausitz leben. Es werden nicht nur die Städte an der Tagebaukante versorgt, sondern auch jene im weiten Umkreis, die schon lange ausgekohlt und im Strukturwandel weiter sind. Selbstbewusstsein ist das, was die Lausitz am dringendsten braucht. Mehr noch als Arbeit, denn die ist in Zeiten des Fachkräftemangels ausreichend vorhanden. Mehr auch als Wirtschaftskraft, denn die generiert sich aus den vielen heimischen Unternehmen im Schatten der Kohle, die ihre Wachstumsmärkte schon gefunden haben.

Was den Lausitzern in der Breite fehlt, ist die Überzeugung, dass man etwas schaffen kann, für das es noch kein Beispiel gibt. Leider lässt sich dieses Selbstbewusstsein für keine Milliarde einfach so hinpflanzen. Allerdings hängt ein Großprojekt wie das nun beschlossene davon ab. Die Lausitz muss attraktiv sein, um die Leute anzuziehen, die jetzt gebraucht werden. „Die größere Klippe als das Geld ist, die Menschen mitzunehmen“, sagt der Wissenschaftsmanager und ehemalige Charité-Professor Karl Max Einhäupl, der im Auftrag der Potsdamer Regierung die Chancen für die Lausitzer Uni-Medizin ausloten soll. Die Menschen vertrauensvoll mitzunehmen auf einem Weg, der tatsächlich etwas Neues schafft, das werde die größte Herausforderung sein. Will sagen: Die Lausitzer müssen das wollen, sonst wird es nichts.

Was also haben die Lausitzer von einem Leuchtturm der Gesundheitssystem-Forschung mit 200 Studierenden? Eine Einrichtung mit Strahlkraft und Wachstumspotenzial. Wir alle werden älter und kranker. Krankheiten werden heilbarer. Gesundheit wird wichtiger. Aber die Ärztinnen, Pfleger, Röntgenassistentinnen und Internisten werden nicht automatisch mehr. Wer sie haben will, muss sie ausbilden. Ein ganzer Bildungsmarkt schreit danach, erschlossen zu werden. Wenn das keine Gelegenheit ist, die Lausitz „erblühen zu lassen“, wie Ministerpräsident Dietmar Woidke sagt.

Die Cottbuser Unimedizin darf nicht nachmachen, was es anderswo schon gibt. Sie muss eigene Standards setzen.

Für Brandenburg ist das Schöne daran, dass diese blühende Landschaft der Bund bezahlt. Eine eigene Medizinerausbildung – das Teuerste also, was es an Forschung und Ausbildung gibt – war ein lange in Potsdam gehegter Traum. Der Strukturwandel macht die Realisierung bezahlbar. Damit Berlin bezahlt, musste das, was in Cottbus und Senftenberg entstehen soll, zu einem Großprojekt von bundesweitem Interesse erklärt werden. Eine Kommission aus zehn anerkannten Schwergewichten der deutschen Wissenschaft war da hilfreich. Ein Schwerpunkt wie Gesundheitssystemforschung, das so noch nicht beackert wird, ist dafür unerlässlich. Das IUC darf nicht nachmachen, was es in Dresden, Heidelberg oder München schon gibt. Es muss eigene Standards setzen.

Jetzt muss die Lausitz beweisen, dass sie diesen Anspruch auch erfüllen kann. Dass sie Ansiedlungen wie diese tragen kann und letztlich die Innovation, die dadurch kommt, annimmt. Dass sie letztlich schlau genug ist fürs Medizinstudium.

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