#TiefImOsten: Tesla allein macht noch keine neue Industrie

Die Zeit der Großansiedlungen ist vorbei. Daran ändert auch Tesla in Brandenburg nichts. Aber der Traum von einer neuen Großindustrie ist einfach zu schön.

Was wäre Brandenburgs Wirtschaft ohne Elon Musk? Der Milliardär baut eine Gigafabrik in Grünheide – und plötzlich schauen alle auf dieses ehemalige Waldstück, auf dem Brandenburgs Wirtschaft neu erstehen soll. Die Querelen um den Bau sind eine mediale Seifenoper. Geschichten über gefällte Fichten und vertriebene Frösche bedienen das Drama-Bedürfnis einer Öffentlichkeit, die kaum fassen kann, was ihr da passiert.

Tesla ist eine industrielle Sensation, die im post-industriellen Zeitalter kein Mensch mehr erwartet hätte. Wenn Musk, wie jetzt wieder, auf Baustellenbesuch einfliegt, sieht die ganze Welt, welch grauenvollen Anzüge märkische Minister tragen. Denen ist längst klar, dass sie aufhören sollten, ihr Land als Anglerparadies zu vermarkten. Industrieland will man sein. Wenn bis 2038 die Kohle-Kraftwerke der Lausitz nicht mehr rauchen, dann verschafft eine Gigafabrik mit 12 000 Arbeitsplätzen neuen industriellen Schwung. Soweit der Traum.

Ein Unternehmen, das 12 000 Jobs schafft, macht mehr Eindruck als 1000 Firmen, die zwölf Leute einstellen. So entsteht ein schiefes Bild von Wirtschaft

Die Zeit der großen Wirtschaftsansiedlungen ist vorbei, sagen Wirtschaftswissenschaftler seit Jahren. Sie sagen es trotz Tesla weiterhin. Großfabriken sind schon toll, aber gesunde Mittelständler sind besser. Das weiß man nicht erst, seit sich die Ansiedlungs-Coups der Nachwendezeit als verlängerte Werkbänke entpuppt haben. Jene großen Player, die Ost-Betriebe übernahmen, haben über die Jahre enttäuscht. Siemens blieb nur widerwillig in Görlitz. Bombardier ist vom Markt verschwunden. Bleiben noch die Flaggschiffe der Automobilindustrie, aber die stecken ihrerseits in einer Transformation mit offenem Ende.

Was da ein Ende findet, ist nicht nur eine Wirtschaftsform, es ist auch die gewohnte Art, Gesellschaft zu ordnen. Die Welt war übersichtlicher und leichter zu organisieren, als die großen Arbeitgeber noch ganze Regionen regierten. Es gab Stahlkocher-Städte und Kohledörfer, Werksmannschaften und Ehemaligen-Vereine. Arbeitskampf hieß meistens, dass Manager und Arbeiter gemeinsam stritten gegen eine kleine Minderheit von Umweltschützern, die sie für verdreckte Luft und verschwundenes Wasser in die Verantwortung nahm. Inzwischen sind die Fronten aufgeweicht – und sogar ein Bergbau-Betreiber wie die Lausitzer Leag zeigt sich gern von der grünen Seite.

Großansiedlung bedeutet, dass ein Minister mit einer Unterschrift Tausende Jobs schaffen kann. Ein Unternehmen, das 12 000 Leute einstellt, kriegt mehr Aufmerksamkeit als 1000 Mittelständler, die zwölf Leute einstellen. So entsteht ein schiefes Bild von Wirtschaft – auch in der Lausitz, wo die überwiegende Mehrheit ihr Geld bei kleinen Firmen verdient. Aber das schiefe Bild ist populär. Parteien können auf einen Streich Tausende Wähler einsammeln, wenn sie die organisierte Arbeitnehmerschaft auf ihre Seite ziehen. Das ist weit schwerer in einer Gegenwart, die aus einer Vielzahl von Startups und Freiberuflern besteht. Selbst der Busverkehr war leichter zu planen, als im Wohnkomplex I die Arbeiter von Schwarze Pumpe wohnten und im Block um die Ecke die aus dem Textilkombinat.

Der Erfolg eines Wirtschaftsministers wird daran gemessen, dass er Großansiedlungen ins Land holt. Selbst in Zeiten des Fachkräftemangels.

Insofern weckt die industrielle Vergangenheit schöne Bilder in vielen Köpfen. Anklänge gibt es ja. Bosch investiert in Dresden, Beiersdorf in Leipzig, VW in Zwickau. Und ein weiterer Wirtschaftsminister ist zufrieden. „Wir hoffen, dass wir mit unseren guten Standortfaktoren weitere Unternehmen davon überzeugen können, in Sachsen zu investieren“, sagt der SPD-Mann Martin Dulig. Der Erfolg eines Wirtschaftsministers wird selbst in Zeiten des Fachkräftemangels daran gemessen, dass er Großansiedlungen ins Land holt.

Industrie 4.0 ein deutscher Begriff, den der Rest der Welt so nicht kennt. In den USA etwa spricht Präsident Joe Biden stattdessen von einer „arbeiterorientierten Blaupause für die Wirtschaft“. Dafür steht in Deutschland nun das US-Unternehmen Tesla, das Brandenburg nicht nur eine Großansiedlung, sondern eine in Giga. Die stinkt nicht nach Qualm aus tausend Essen, sondern ist zeitgemäß netzaffin, Instagram-tauglich und Bitcoin-trächtig. Doch es ist längst nicht gesagt, dass das Wunder von Grünheide nicht irgendwann wie ein Giga-Soufflé in sich zusammenfällt, wenn den Medienliebling Musk das Glück verlässt.

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