#TiefImOsten: Der Kohleausstieg reißt die Jägerzäune ein

Beim Strukturwandel ist viel Neid im Spiel. Vom großen Geld soll keiner profitieren, der nicht zu den Verlierern des Kohleausstiegs gehört – und dessen Wiege nicht in der Lausitz stand. Was soll dieser Kleingeist?

Der Professor aus Chemnitz hatte seine Bewerbung um ein großes Forschungsprojekt in der Lausitz eingereicht. Zu vergeben war eines der größten Projekte, mit denen die Kohleregion zur Wissenschaftsregion werden will. Und eines der teuersten. „Als wir mit dem Plan an die Öffentlichkeit gingen“, sagt der Professor, „kam immer wieder die Frage: Was wollen Sie eigentlich hier? Warum wollen sie das in der Lausitz machen? Sie sind doch kein Lausitzer.“ Ein absurder Vorwurf.

Der Strukturwandel und die 17 Milliarden Euro, die er bringt, müssen der Lausitz und den Lausitzern zugute kommen. Das wirft nun beständig die Frage auf, was die Lausitz eigentlich ist und wer dazu gehören darf. Sollen nur die Orte, die ein Kraftwerk verlieren, ein Recht darauf haben, dass bei ihnen etwas Neues entsteht? Gehören Städte, die vor 30 Jahren ihre Kraftwerke verloren haben, schon nicht mehr dazu? Was ist mit denen, die längst auf andere Branchen gesetzt haben? Haben die keinen Zutritt zum Kreis der Begünstigten, wenn die Lausitz für den Verlust ihrer letzten Großindustrie entschädigt wird? Von außen betrachtet, wirken solche Debatten kleinkrämerisch. Das sind sie auch. Zu klein jedenfalls für die große Transformation, die der Region bevorsteht.

Es wird geredet, als lebten wir nicht längst in einer Realität, in der Menschen täglich 60 Kilometer pendeln. Und das ohne wirtschaftliche Not.

Um den Strukturwandel ist in der Lausitz eine unwürdige Neiddebatte entbrannt. Kernbetroffene Gemeinden melden ihren Vorrang an gegenüber denen, die nur randbetroffen oder gar nicht betroffen sind. Helle Aufregung entsteht, weil Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (kein Lausitzer) mit Strukturmitteln eine Außenstelle des Robert-Koch-Instituts in Wildau (mehr Berlin als Lausitz) baut. Kein Kraftwerker werde dort einen neuen Job kriegen, heißt es aus dem Kreis der Kernbetroffenheit.

Es wird geredet, als lebten wir nicht längst in einer Realität, in der Menschen täglich 60 Kilometer pendeln – und das ohne wirtschaftliche Not. Demografie, Binnenwanderung und moderne Arbeitswege halten sich nicht an die Jägerzäune von gestern. Wer die Lausitz neu gestalten will, der muss sie groß denken, als eine Gesamtregion, die als Ganzes genug bieten muss, um für neue Leute attraktiv zu sein. Denn allein mit den Kindern der Lausitz wird man die Jobs, die jetzt geschaffen werden, nicht besetzen können.

Selbst wenn der Wandel funktioniert, können Industriestädte zu Schlafstädten werden – und andere zu neuen Zentren. Ungerecht ist das nicht.

Die ganze Förderung zielt schließlich darauf ab, dass Potenzial von außen einströmt. Potenzial in Form von Menschen, Kapital und Ideen wird dringend gebraucht. Auf die Weise entsteht eine neue Community von Lausitzern. Praktisch jeder, der durch eigenes Engagement an diesem Wandel teilnimmt, gehört dazu. Auch Windunternehmer aus Schlewsig-Holstein. Auch der Professor aus Chemnitz.

Der Strukturwandel kann keine Garantie dafür geben, dass Weißwasser neue Fabriken bekommt. Selbst wenn der Prozess erfolgreich verläuft, können die Fabrikstädte zu Schlafstädten werden. Dafür kann aber der Nachbarort plötzlich prosperieren, weil er das richtige Startup gefördert hat. Aus lokaler Perspektive mag man das ungerecht finden. Ist es aber nicht.

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