#TiefImOsten: Der Besser-Ossi kommt

Neue Technologien machen neue Gewinnerregionen. Deshalb sollte Ostdeutschland endlich den Rücken durchdrücken und das sein, was es ist: die Seite der alten Grenze, die grüne Energien besser kann.

Die Bundestagswahl ist verdaut und ausgewertet. Alle bekannten Klagelieder sind gesungen. Am meisten das vom armen Osten, der so anders tickt und nie richtig verstanden wurde. Ostdeutschland, so hört es sich an, ist und bleibt eine Problemzone. Und die Problemzonen-Bewohner jammern eifrig mit. Es jammern die Unterschätzten, es jammern die Trotzigen. Und es jammern jene, denen das Gejammer zu viel wird.

Schauen wir mal nicht auf die Befindlichkeiten, sondern auf die harten Fakten. Dafür lohnt ein Blick nach Chemnitz. Die Stadt mit dem Deutschlands größten Betonkopf ist kürzlich ein Coup gelungen. Chemnitz ist das schlagende Herz der ostdeutschen Automobil-Forschung und wird demnächst stolzer Standort eines Wasserstoff-Innovationszentrums sein. Das bedeutet: Die Zukunft der elektrischen Antriebe wird in Sachsen mitgestaltet. Sicher wäre die Förderung für Chemnitz noch größer ausgefallen, hätte sich nicht Bayern auf den letzten Metern noch selbst bedient. Aber das lassen wir das hier beiseite, denn so oder so steht fest: Bei den Spitzentechnologien kommt man am Osten nicht mehr vorbei.

Im Osten Deutschlands sitzt nicht das meiste Geld. Aber der Kohleausstieg macht mit seinen Strukturmilliarden das Investieren attraktiv.

Der Gedanke mag 31 Jahre nach der Wiedervereinigung für einige befremdlich sein. Aber es gibt Felder, da ist der Osten besser als der Rest. Das größte ist die Technologie. In der Energie, in der IT und im Maschinenbau hat der Osten ein tiefes wissenschaftliches Wurzelwerk. Chemnitz ist dafür ein gutes Beispiel. Sachsens drittgrößte Metropole eine Maschinenbau-Schmiede mit 250 Jahren Tradition, wo schon früh an Motoren getüftelt wurde und wo das Wissen um Funktionsweisen und Wirkungsgrade hoch im Kurs steht. Chemnitz hat immer mit Ingenieurarbeit gutes Geld verdient. Für die Zukunftstechnologien, die jetzt gefragt sind, kann es keinen fruchtbareren Boden geben.

Elon Musk hat das erkannt zieht und seine Gigafabrik im brandenburgischen Grünheide auf. Mit dieser Standortentscheidung hat der Milliardär einen Dreh- und Angelpunkt der Batterietechnik fest im Osten verankert. Künstliche Intelligenz ist ein weiteres Feld. Ob der Osten hier wirklich bessere Voraussetzungen hat, wird sich zeigen. Aber zumindest können die Forschungsstätten von Jena über Halle bis Dresden mit den gleichen Voraussetzungen starten wie jene in München oder Aachen. Beim Wasserstoff ist der Osten klar im Vorteil – nirgendwo sonst auf dem deutschen Festland gibt es so viel Platz für die Windräder, die den Strom zur Herstellung des neuen Kraftstoffs liefern können.

Sicher sitzt im Osten nicht das meiste Geld. Kaum ein großer Konzern hat seinen Sitz in den neuen Ländern. Aber hier herrscht eine Bewegung, die nicht mehr ignoriert werden kann. Sogar die noch nicht komplett ausgebaute Wissenschaftslandschaft kann ein Vorteil sein, denn sie bietet Raum zum Gestalten. Leipzig konnte zur coolsten Stadt im Lande werden, weil es dort genug Brachen gab, auf denen sich Kreative austoben konnte. Und schließlich macht der Kohleausstieg mit seinen Strukturmilliarden das Investieren zwischen Halle und Cottbus lukrativ.

Das Ende des Verbrennungsmotors bringt die Kolosse der Autoindustrie ins Wanken. Die Zentren der grünen Mobilität liegen vielleicht bald im Osten.

Der Osten braucht neues Selbstbewusstsein. Aber oft ist dieses Selbstbewusstsein nichts anderes als ein selbstbewusster vorgetragenes Minderwertigkeitgefühl. Besser wäre es doch, selbstbewusst für das stehen, was man den anderen voraus hat. Jetzt ist der richtige Moment dafür.

Die Transformation der Wirtschaft löst deshalb so viel Angst aus, weil sie Karten neu mischt. Das Ende des Verbrennungsmotors etwa bringt die Machtkolosse der Autoindustrie von Stuttgart bis München ins Wanken. Umgekehrt profitieren neue Player, die in anderen Regionen sitzen. Im Osten wird daran geforscht, Energie sauberer zu machen und Autos mit grünem Strom zu betreiben. Chemnitz als das neue Stuttgart – warum nicht.

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