#TiefImOsten: Windräder sind keine Landplage

Windkraft wollen alle, Windräder will aber keiner. Dieser Ur-Konflikt der Energiewende ist kein Wunder, sondern die Folge ungeschickter Kommunikation.

Windkraft ist so beliebt wie nie. Überall scheint neuerdings Einigkeit zu herrschen, dass mehr Windstrom her muss und das möglichst sofort. Wie groß dieser Konsens ist, zeigen die Koalitionsverhandlungen am Bund. In den politischen Lagern, die die nächste Bundesregierung bilden wollen, ist man einer Meinung, dass die Energiewende ohne mehr Windkraft nicht zu schaffen ist. Das verblüfft. Es ist nicht lange her, dass sich die angehenden Koalitionäre auf dem Klima-Schlachtfeld sehr grimmig belauerten. Die FDP sah sich als Bollwerk gegen eine angebliche “Verspargelung“ der Landschaft. Die SPD verdächtigte erneuerbare Energien als Jobkiller und sammelte damit in der Kohle-Szene Punkte. Jetzt kommt das Ja zum Wind laut und deutlich. Dabei geht es um eine der kniffligsten Fragen der kollektiven Gefühlswelt: Was darf von deutschen Küchenfenstern aus zu sehen sein?

Windkraft ist zur Gewinnung sauberer, zukunftstauglicher Energie eine feine Sache. Nur leider ist sie nicht ohne Windräder zu haben. Die Anlagen müssen irgendwo stehen. Und wo sie stehen, erregen sie verlässlich Anstoß. Die Lausitz ist dafür ein gutes Beispiel. Die Idee, eine alte Art der Energiegewinnung gegen eine neue auszutauschen, liegt nahe. Aber so beliebt wie die Windkraft im Allgemeinen ist das Windrad im Speziellen nicht. Die Absurdität wird aktuell in Sachsen erkennbar, wo die Mindestabstände für Windkraftanlagen neu geregelt werden sollen. Hier scheitert der kollektive Wunsch nach mehr Windkraft am individuellen Bedürfnis, sich Windräder vom Leib zu halten.

Akzeptiert werden muss nur Unangenehmes. Solches Wording erzeugt keine Liebe, sondern provoziert kleinliche Abwehrreflexe.

Manchmal ist es nur eine Frage der Kommunikation, ob etwas geliebt oder gehasst wird. Im Falle der Windkraft ist das Wording grauenvoll. Da heißt es, die “Akzeptanz“ müsse erhöht werden. Es dürften keine Entscheidungen getroffen werden, ohne „die Menschen mitzunehmen“. Das ist richtig. Aber worüber reden wir hier? Von einer Landplage? Akzeptiert werden muss nur Unangenehmes. Menschen mitzunehmen, drückt die politische Zusicherung aus, nichts zu tun, was die Bürger nicht aus eigenem Antrieb wollen. Solche Begrifflichkeit setzt im Kern voraus, dass die Menschen auf dem Land keine Windräder wollen. Damit nimmt die Politik den Widerstand praktisch vorweg. Eine gute Verkaufe ist das nicht.

In der Folge kommt der Ausbau der Erneuerbaren Energien in der breiten Öffentlichkeit schlecht an. Es entsteht der Eindruck, Politik und Wirtschaft forcierten etwas, das gegen die Interessen der Bürger geht, bis in den persönlichen Bereich hinein. Das stärkt das schlechte Image von Windrädern und Solarparks als Zumutung der Moderne, vor der „die Menschen vor Ort“ geschützt werden müssen. Wer so redet erzeugt keine Liebe, sondern provoziert kleinliche Abwehrreflexe.

Das Menschheitsprojekt Energiewende wird auf diese Weise nichts. Hier braucht es aktives Überzeugen. Gute Argumente dafür sind ja da. Die Mehrheit der Deutschen sieht längst ein, dass die fossile Energiegewinnung ein Ende haben muss. Zudem würde ein entschlossener Ausbau von Windenergie und Solar den Strom billiger machen. Darauf deuten neuere Berechnungen hin, wie jüngst von Agora Energy Research im Aufgrag der European Climate Foundation. Windkraft hat das Zeug, Geld zu sparen – und das für jeden einzelnen. Es bringt sogar Geld ein. Unterschiedliche Varianten, die Bürger am Ertrag von Windkraftanlagen zu beteiligen, werden in den Ländern erprobt. Thüringen etwa hat ein Siegel für faire Windenergie eingeführt. Das verpflichtet sich Betreiber, bis zu 25 Prozent des Ertrags an die Kommune abzutreten. Trotzdem hat Thüringen den Bau von Windrädern im Wald verboten. Dieser Schutz von Naturkulisse und regionalem Traditionalismus hat seinen Preis, denn damit fallen im Osten des Freistaats fast 40 Prozent der für Windkraft vorgesehenen Flächen weg.

Mit Solar auf dem Dach kann jeder selbst zum Stromanbieter werden. Nie zuvor hat sich eine Monopol-Industrie auf ähnliche Weise demokratisiert.

So schmelzen derzeit in den Ländern die Möglichkeiten für den Wind weg. Allenthalben wird auf Abstandsregelungen gepocht und auf lokale Akzeptanzprobleme verwiesen. Dabei sollte klar sein: Wenn der vom Bund veranschlagte 1000-Meter-Bannkreis für Windkraft-Anlagen von jeder Garage aus bemessen wird, dann lässt sich dort eben kein Strom gewinnen – und damit schwinden Einkünfte für die Gemeinden. Sachsen, das gerade um neue Abstandsregelungen ringt, liegt laut einem Bund-Länder-Bericht beim Ausbau der Windenergie weit hinter den übrigen Flächenländern. Wenn das so bleibt, kann Sachsen die erträumte Karriere als Hotspot für grünen Wasserstoff vergessen.

Erneuerbare Energien werden in der Mitte der Gesellschaft gewonnen. Im nach-fossilen Zeitalter wird es keine Energie-Regionen alten Zuschnitts mehr geben, wo sich die ökologischen Katastrophen der Industrie konzentrieren. Die Energiewende bringt Solarmodule auf Brachen am Stadtrand und Windräder vor die Ortsschilder. Damit kommt die Stromindustrie in Kleinform überall hin. Jeder, der sich Solar-Ziegeln aufs Dach bauen lässt, kann damit zum Stromanbieter werden. Nie zuvor hat sich eine Monopol-Industrie auf ähnliche Weise demokratisiert. Das heißt aber auch, jeder sollte bereit sein, den Anblick von Windrädern zu ertragen.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s